Neurodiversität in der Ausbildung verstehen und einbinden
Neurodiversität beschreibt unterschiedliche Arten des Wahrnehmens, Denkens und Lernens. Der Fachbeitrag zeigt dir, was dahintersteckt,…
Leon hat als Azubi für Büromanagement mit seiner strukturierten Denk- und Arbeitsweise gerade das Projekt einen riesigen Schritt vorangebracht. Lukas ist als angehende Pflegefachkraft bei den Patient:innen besonders wegen seiner Kreativität und großen Auffassungsgabe sehr beliebt. Und die angehende Informatikerin Marie wurde von einer Auftraggeberin für die besondere Detailtiefe ihrer Arbeit gelobt. Was sie alle gemeinsam haben: Sie sind neurodivergent, befinden sich im Autismus-Spektrum, haben eine Aufmerksamkeitsdefizit- / Hyperaktivitätsstörung (ADHS) oder Tourette – und bereichern damit ihre Teams.
Neurodiversität ist eine noch junge Forschungsrichtung, welche Neurodivergenzen, also neurologische Besonderheiten wie beispielsweise ADHS, Autismus-Spektrum und Legasthenie, nicht als psychische Störungen einordnet, sondern als Teil der Vielfalt ganz normaler neurologischer Ausprägungen. Der Fokus wird dabei auf unterschiedliche Arten im Wahrnehmen, Denken und Fühlen gelegt, wobei keinerlei Wertung getroffen wird. Ein ADHS-Gehirn ist also nicht schlechter oder problematischer als ein sogenanntes „neurotypisches“ Gehirn, es ist nur anders.
Für die Ausbildung bedeutet das: Nicht eine Neurodivergenz selbst, sondern die Passung zwischen individuellen Voraussetzungen und Arbeits- sowie Lernbedingungen beeinflusst maßgeblich, ob Situationen als Herausforderung oder Unterstützung erlebt werden.
Schätzungen zufolge ist fast jeder fünfte Mensch neurodivergent (DWI 2026) – auch Azubis und Ausbilder:innen. Das bedeutet vielfältige Ausbildungsteams, die einerseits zu Reibungspunkten neigen können, sich andererseits aber auch großartig ergänzen können. Wer es schafft, diese vielfältigen Teams anzuleiten, kann Ausbildung erfolgreicher gestalten.
Davon profitieren nicht nur die Auszubildenden, sondern auch Betriebe:
Dabei ist es gar nicht so einfach, Neurodivergenzen zu erkennen und darauf einzugehen. Trotzdem gibt es Dinge, die du ganz konkret tun kannst.
Neurodivergenz ist ein breites Themenfeld, zu dem es zwar unzählige „typische Symptome“, aber kaum Faustregeln gibt. Das liegt daran, dass sich jede Neurodivergenz anders auf Betroffene auswirkt und hochgradig individuell ausgestaltet.
Diese Dinge können dir als Ausbilder:in helfen:
Hast du das Gefühl, einen neurodivergenten Azubi in deinem Team zu haben? Dann gehe ins persönliche Gespräch und erfrage die individuellen Herausforderungen im Kontext Ausbildung. Nur so kannst du im Anschluss Lösungen erarbeiten. Übrigens braucht es häufig nur kleine Stellschrauben, um große Wirkungen zu erzielen.
Jetzt geht’s an die Umsetzung im Alltag: Mache „anders“ zum neuen „normal“. Setze dich für Neurodiversität unter deinen Azubis ein und nutze die Potenziale vielfältiger Denk- und Arbeitsweisen, um deine Ausbildung noch besser zu gestalten. Stelle dir beispielsweise folgende Fragen:
Wie schon erwähnt, musst du nicht alles allein lösen. Es gibt verschiedene Anlaufstellen und Unterstützungsmöglichkeiten, die dich im Ausbildungsalltag begleiten, beraten und bei individuellen Herausforderungen unterstützen können. Diese Angebote können dir helfen:
Sich mit neuen Themen zu beschäftigen und Anpassungen vorzunehmen, klingt erstmal nach viel Arbeit. Aber: Viele Besonderheiten, die neurodivergente Azubis mitbringen, betreffen auch neurotypische Menschen, meist nur in geringerem Ausmaß. Von allen Anpassungen, die du für deine neurodivergenten Azubis vornimmst, können also auch alle anderen Azubis profitieren. Und: Neurodiverse Teams profitieren nachweislich von der Vielfalt an Perspektiven und Denkweisen. Nutze das, um deine Ausbildung modern zu gestalten und deine Azubis bestmöglich in einem wichtigen Lebensabschnitt zu begleiten.
Unser Lernpaket bietet dir dafür einen praxisnahen ersten Überblick. Du erhältst genauere Einblicke in die Neurodivergenzen ADHS und Autismus-Spektrum und erfährst, wie Neurodiversität dein Team bereichern kann und was du dafür tun kannst. Darüber hinaus erhältst du Tipps, wie sich unterschiedliche Lern- und Arbeitsumgebungen leicht auf neurodivergente Bedürfnisse anpassen lassen.
Neurodiversität ist mehr als ein Schlagwort – sie ist ein Aufruf zur aktiven Gestaltung von chancengerechter Ausbildung. Wer neurodivergente Talente erkennt, fördert und wertschätzt, trägt dazu bei, dass unsere Arbeitswelt menschlicher, kreativer und zukunftsfähiger wird.
Denn: Die besten Teams sind nicht die, in denen alle gleich denken, sondern die, in denen Unterschiede als Stärke genutzt werden. – So wie bei Marie, Lukas und Leon, die ihre Neurodivergenzen erfolgreich in ihren Teams einsetzen können.
Quellen:
Axbey, Harriet et al.: Innovation through neurodiversity: Diversity is beneficial; in: Autism (2023). Online verfügbar unter: https://journals.sagepub.com/doi/10.1177/13623613231158685
DWI – Leibniz-Institut für Interaktive Materialien (2026): Neurodiversität. Online verfügbar unter: https://www.dwi.rwth-aachen.de/seite/neurodiversitaet
Jahnke, Patrick (2026): Neurodiversität verstehen und fördern. Online verfügbar unter: https://ilias.uni-rostock.de/goto.php?target=crs_147561&client_id=ilias_hro
Quarks Dimension Ralph (2025): ADHS, Autismus und Neurodiversität: Was ist eigentlich normal? Online verfügbar unter: https://www.youtube.com/watch?v=OE9GYR020E0