Kulturelle Vielfalt prägt den Ausbildungsalltag, dennoch erleben viele Auszubildende Diskriminierung. Der Fachbeitrag erläutert, wie Stereotype und Vorurteile zu Diskriminierung führen, wie sich diese im Kontext kultureller Vielfalt am Arbeitsplatz äußert und welche Auswirkungen sie auf Motivation und Ausbildungserfolg haben kann. Zudem wird die Verantwortung von Ausbilder:innen für ein faires und wertschätzendes Ausbildungsumfeld aufgezeigt.
Ausbildungsbetriebe werden immer vielfältiger. Unterschiedliche kulturelle Hintergründe, Sprachen und Erfahrungen bereichern den Arbeitsalltag, gleichzeitig können Vorurteile und Diskriminierung den Ausbildungserfolg erheblich beeinträchtigen. Als Ausbilder:in spielst du eine zentrale Rolle dabei, ein respektvolles und diskriminierungsfreies Lernumfeld zu schaffen, denn (rassistische) Diskriminierung ist auch in der heutigen Arbeitswelt weiterhin ein relevantes Thema und kann sich in unterschiedlichen Formen im beruflichen Alltag deiner Auszubildenden zeigen. Der folgende Fachbeitrag gibt dir einen Überblick darüber, wie (rassistische) Diskriminierung entsteht, in welchen Formen sie auftreten kann, welche Auswirkungen sie hat und welche rechtlichen sowie praktischen Handlungsmöglichkeiten für dich als Ausbilder:in bestehen, um ein diskriminierungsfreies und wertschätzendes Ausbildungsumfeld zu fördern.
Diskriminierung am Arbeitsplatz ist trotz wachsender Vielfalt weiterhin weit verbreitet. Dies zeigt sich auch in aktuellen Erhebungen: Die Antidiskriminierungsstelle des Bundes verzeichnete im Jahr 2025 insgesamt 13.067 Beratungsanfragen, das ist ein Anstieg um 15 Prozent gegenüber dem Vorjahr (Vgl. Antidiskriminierungsstelle des Bundes, 2026). Besonders häufig betrafen diese den Arbeitskontext (3.600 Fälle) sowie rassistische Diskriminierung mit 4.571 Anfragen. Eine Studie von McKinsey & Company aus 2023 belegt, dass Beschäftigte mit Migrationsgeschichte 50 Prozent mehr Diskriminierung am Arbeitsplatz erfahren als Beschäftigte ohne Migrationshintergrund. Der Nationale Diskriminierungs- und Rassismusmonitor von 2025 zeigt, dass mehr als jede zweite „rassistisch markierte“ Person in Deutschland mindestens einmal im Monat Diskriminierung erlebt. Als rassistisch markierte Personen sind in der Erhebung Menschen benannt, die sich selbst identifizieren als „schwarze Menschen, asiatische Menschen, muslimische Menschen, osteuropäische Menschen, Deutsche mit Migrationshintergrund“, während nicht rassistische markierte Menschen definiert sind als „Personen, die sich ausschließlich als Deutsch ohne Migrationshintergrund identifizieren“ (Nationaler Diskriminierungs- & Rassismusmonitor, 2025, 14).
Gerade im Ausbildungsalltag kommt dir als Ausbilder:in hier eine Schlüsselrolle zu. Du begleitest Auszubildende in einer prägenden Lebensphase, gestaltest das Lern- und Arbeitsumfeld und beeinflusst durch dein Verhalten, deine Entscheidungen und deine Kommunikation maßgeblich, ob sich alle Auszubildenden respektiert und zugehörig fühlen. Um Diskriminierung frühzeitig zu erkennen und ihr entgegenzuwirken, benötigst du sowohl Wissen als auch Handlungskompetenz. Doch was ist (rassistische) Diskriminierung überhaupt? Woher kommt sie? Wie zeigt sie sich im Ausbildungsalltag? Und was kannst du dagegen tun?
Diskriminierung bezeichnet die Benachteiligung von Menschen aufgrund bestimmter persönlicher Merkmale wie Herkunft, Geschlecht, Religion, Alter, Behinderung oder sexueller Identität. Sie kann offen oder subtil auftreten – etwa durch Ausgrenzung, Beleidigungen, das Vorenthalten von Informationen oder stereotype Zuschreibungen.
Rassistische Diskriminierung bezieht sich insbesondere auf tatsächliche oder zugeschriebene Merkmale im Zusammenhang mit ethnischer Herkunft, Sprache, Aussehen oder Namen, die als „nicht deutsch“ wahrgenommen werden. Entscheidend ist dabei nicht, wie sich eine Person selbst sieht, sondern welche Merkmale ihr von der Gesellschaft zugeschrieben werden.
Eine besonders verbreitete Form ist der Alltagsrassismus. Er zeigt sich in wiederkehrenden, oft subtilen Situationen – auch im Ausbildungsalltag. Dazu gehören scheinbar harmlose Fragen, stereotype Bemerkungen oder der unbewusste Ausschluss von Personen. Ein Beispiel für ersteres wäre, dass ein Azubi ständig gefragt wird, "wo er wirklich herkommt". Da solche Handlungen häufig nicht offen feindselig sind, werden sie von Außenstehenden oft nicht als diskriminierend erkannt oder in ihrer Wirkung auf die Betroffenen unterschätzt.
Werden stereotype oder vorurteilsbehaftete Annahmen zur Grundlage von Entscheidungen oder Benachteiligungen, können sie zu diskriminierendem Verhalten führen. Stereotype und Vorurteile entstehen meist unbewusst und werden durch Familie, Schule, Medien und persönliche Erfahrungen geprägt. Sie helfen uns zwar, komplexe Informationen schnell zu verarbeiten, führen jedoch zu vereinfachten Bildern über Gruppen. Während Stereotype allgemeine Zuschreibungen darstellen, sind Vorurteile stärker bewertend und oft emotional geprägt. Besonders problematisch sind unbewusste (implizite) Vorurteile, da sie Entscheidungen und Verhalten beeinflussen können, ohne dass dies aktiv wahrgenommen wird.
Rassistische Diskriminierungserfahrungen erfolgen anhand rassistischer Zuschreibungen. Ein Beispiel wäre „Menschen aus… (Land) sind faul“. Rassistische Zuschreibungen wirken besonders stark, weil sie unabhängig davon greifen können, wie sich eine Person selbst definiert. Häufig betroffene Merkmale rassistischer Zuschreibung sind unter anderem:
Im Ausbildungsbereich zeigt sich rassistische Diskriminierung sowohl individuell als auch strukturell und kann alle Phasen vom Recruiting bis zur Übernahme betreffen. Bereits im Bewerbungsprozess können unbewusste Vorurteile dazu führen, dass Bewerber:innen mit als „nicht deutsch“ wahrgenommenen Namen seltener eingeladen werden. Auch während der Ausbildung kann es zu rassistischer Diskriminierung durch Kolleg:innen, Vorgesetzte oder Kund:innen/Patient:innen kommen.
Beispiele hierfür sind:
Rassistische Diskriminierung zeigt sich beispielsweise auch darin, dass betroffenen Auszubildenden weniger anspruchsvolle Aufgaben übertragen werden, ihnen geringere Entwicklungsmöglichkeiten zugetraut werden oder sie bei der Vergabe von Verantwortung übergangen werden.
(Rassistische) Diskriminierung wirkt sich negativ auf Motivation, Wohlbefinden und Gesundheit der Betroffenen aus und kann zu geringerer Arbeitszufriedenheit, Fehlzeiten oder sogar zu Ausbildungsabbrüchen führen. Für Betriebe entstehen durch Fälle von (rassistischer) Diskriminierung ebenfalls Nachteile wie Fluktuation, Kosten durch Krankheitsausfälle und Neubesetzungen, ein belastetes Betriebsklima sowie Produktivitätsverluste, was langfristig nicht nur die Ausbildungsqualität, sondern auch die Wettbewerbsfähigkeit beeinträchtigen kann.
Rechtlicher Rahmen: Das Allgemeine Gleichbehandlungsgesetz (AGG)
Das Allgemeine Gleichbehandlungsgesetz (AGG) schützt seit 2006 vor Diskriminierung in verschiedenen Lebensbereichen, vor allem aber im Arbeitsleben und verpflichtet Arbeitgeber zur Gleichbehandlung. Es schützt Beschäftigte vor Diskriminierung in sechs Diskriminierungsmerkmalen: ethnische Herkunft sowie rassistischer Zuschreibung (der Gesetzestext verwendet hierfür den Begriff „Rasse"), Geschlecht, Religion/Weltanschauung, Behinderung, Alter sowie sexuelle Identität (Vgl. AGG Paragraph 1; Feith/Fickler, 2026). Abgeleitet ergibt sich für Ausbildungsbetriebe aus dem AGG die Verantwortung, Diskriminierung vorzubeugen und ein sicheres, faires Ausbildungsumfeld zu gewährleisten sowie bei Fällen von Diskriminierung Maßnahmen zum Schutz der Betroffenen zu ergreifen.
Du als Ausbilder:in trägst eine zentrale Verantwortung für ein diskriminierungsfreies Lern- und Arbeitsumfeld im Ausbildungsbetrieb. Wichtig sind klare Regeln, Beschwerdewege sowie eine offene und wertschätzende Ausbildungskultur. Ergänzend helfen Sensibilisierung und passende Schulungen dir dabei, (rassistische) Diskriminierung zu erkennen und ihr aktiv entgegenzuwirken. Da du als Ausbilder:in eine Vorbildfunktion einnimmst, ist es wichtig, dass du dein eigenes Verhalten sowie deine eigene Einstellung und Sprache regelmäßig reflektierst. Mache dich mit den Handlungsmöglichkeiten bei (rassistischer) Diskriminierung vertraut, greife bei Diskriminierungsfällen ein und sei eine vertrauensvolle Ansprechperson für deine Azubis.
Im Lernpaket „Faire Ausbildung: kulturelle Stereotype erkennen, Diskriminierung sicher begegnen“ erhältst du einen praxisnahen Einblick in das Thema Diskriminierung in einer kulturell vielfältigen Ausbildung. Von uns angeleitet setzt du dich mit deiner Rolle als Vorbild und Ansprechperson auseinander, reflektierst eigene Denkmuster und entwickelst eine vorurteilsbewusste sowie diskriminierungskritische Haltung. Du lernst, diskriminierende Situationen frühzeitig zu erkennen und erhältst konkrete Handlungsmethoden, Praxistipps und Hinweise auf Anlaufstellen, um Diskriminierung im Ausbildungsalltag vorzubeugen und ihr wirksam entgegenzuwirken.
In deiner Rolle als Ausbilder:in ist es nicht nur wichtig, Diskriminierung entgegenzuwirken, sondern auch Vielfalt aktiv zu fördern. Kulturelle Vielfalt gehört fest zum heutigen Ausbildungsalltag und bietet deinem Ausbildungsbetrieb zahlreiche Chancen: Unterschiedliche Perspektiven, Erfahrungen und Werte können die Zusammenarbeit bereichern sowie Problemlösefähigkeit, Innovationsfähigkeit und Lernprozesse fördern.
Diskriminierung im Ausbildungs- und Arbeitskontext ist kein Randphänomen, sondern ein strukturelles und alltägliches Problem mit weitreichenden Folgen für Betroffene, Betriebe und die Gesellschaft. Gerade im Ausbildungsbereich kommt dir als Ausbilder:in eine Schlüsselrolle zu, denn du hast direkten Einfluss auf das Lernumfeld, die Teilhabe und Entwicklungsmöglichkeiten junger Menschen. Ein bewusster, reflektierter und aktiver Umgang mit Vielfalt ist daher eine zentrale Voraussetzung für erfolgreiche Ausbildung, faire Chancen und eine zukunftsfähige Arbeitswelt.