Ein Rucksack voller Stärken: Zugewanderte Auszubildende im Betrieb
Der demografische Wandel lässt viele Ausbildungsplätze unbesetzt. Eine wertvolle Chance gegen den zunehmenden Fachkräftemangel liegt in der…
Der demografische Wandel lässt viele Ausbildungsplätze unbesetzt. Eine wertvolle Chance gegen den zunehmenden Fachkräftemangel liegt in der gezielten Ausbildung von Jugendlichen mit Zuwanderungsgeschichte. Ob aus der EU, Asien oder Südamerika – sie bringen wertvolle Kompetenzen mit. Erfahre, wie du diesen „Rucksack voller Stärken“ im Betrieb erfolgreich nutzen kannst.
Der Ausbildungsmarkt hat sich drastisch verändert. Tausende Lehrstellen bleiben unbesetzt, während der demografische Druck auf Unternehmen wächst (vgl. IW/KOFA 2025). Vor diesem Hintergrund gewinnt eine Zielgruppe strategisch an Bedeutung: Junge Menschen, die im Zuge der regulären Arbeits-, Bildungs- oder Familienzuwanderung nach Deutschland kommen. Die Gruppe umfasst Auszubildende, die aus der EU zugewandert sind, als Spätaussiedler:innen nach Deutschland gekommen sind oder über das Fachkräfteeinwanderungsgesetz eingereist sind. Sie bringen ein breites Spektrum an Kompetenzen mit, das weit über reine Fachkenntnisse hinausgeht. Für das Ausbildungspersonal gilt es, diesen „Rucksack voller Stärken“ gezielt zu öffnen. Dieser Beitrag zeigt auf, welche Potenziale in der Zuwanderung stecken und wie Betriebe sie erfolgreich für die Ausbildung von Fachkräften und die digitale Transormation nutzen können.
Wer sich in jungen Jahren bewusst für ein Leben in einem anderen Land entscheidet, setzt sich mit einem neuen Kultur- und Bildungssystem auseinander. Diese Erfahrung kann einen intensiven Reifeprozess anstoßen. Sie erfordert häufig, gewohnte Denkmuster zu hinterfragen, unterschiedliche Perspektiven einzunehmen und sich auf neue Regeln und Situationen einzustellen. Diese Fähigkeit wird als kognitive Flexibilität bezeichnet.
Viele Jugendliche mit Migrationserfahrung entwickeln dabei kognitive Flexibilität und Anpassungsfähigkeit – Kompetenzen, die das Netzwerk Q für die moderne Arbeitswelt hervorhebt. Wer gelernt hat, sich in neue gesellschaftliche Strukturen einzudenken, kann sich potenziell auch im Ausbildungsalltag leichter auf neue digitale Tools, agile Arbeitsmethoden und veränderte Prozesse einstellen. Diese Lernbereitschaft kann damit eine wertvolle Ressource für die betriebliche Innovation sein.
Die Entscheidung zur Migration ist häufig an konkrete Berufs- und Lebensziele gekoppelt. Deutsche Ausbildungsbetriebe berichten bei Auszubildenden aus dieser Zielgruppe überdurchschnittlich oft von einer hohen Loyalität und einer starken Eigenmotivation (vgl. BDA 2025). Viele sehen die duale Ausbildung als echte Aufstiegschance. Zudem fördert die Bewältigung von Umzug, bürokratischen Hürden und sozialer Neuorientierung eine ausgeprägte Resilienz und Frustrationstoleranz. Wenn im turbulenten Ausbildungsalltag unvorhergesehene Probleme auftreten, können diese Jugendlichen auf erlernte Bewältigungsstrategien zurückgreifen. Sie beweisen Organisationstalent und eine lösungsorientierte Haltung, vom der auch das restliche Azubi-Team profitieren kann.
In einer globalisierten Wirtschaft sind Mehrsprachigkeit und interkulturelles Geschick laut dem Ausbildungsbericht 2024 der DIHK handfeste Wettbewerbsvorteile. Viele Auszubildende mit Zuwanderungsgeschichte beherrschen neben Deutsch auch ihre Muttersprache sowie Englisch oder weitere Sprachen. Diese Kompetenzen können sie bereits während der Ausbildung und später als Fachkräfte im Betrieb einsetzen: etwa bei der Betreuung internationaler Kundschaft, in globalen Lieferketten oder bei der Erschließung vielfältiger Kundengruppen auf dem heimischen Markt. Die Vielfalt der Perspektiven im Ausbildungsteam kann zudem die klassische „Betriebsblindheit“ aufbrechen und so als Katalysator für neue, innovative Lösungsansätze im Unternehmen fungieren.
Für dich als Ausbilder:in bedeutet die Begleitung internationaler Auszubildender, deine Rolle als Lernbegleitung und Coach im Bereich der kultursensiblen Führung weiterzuentwickeln. So baust du zugleich deine Führungskompetenzen aus und trägst zu einer modernen Ausbildungskultur bei. Klare und präzise Arbeitsanweisungen helfen dabei, sprachliche und kulturelle Missverständnisse im Ausbildungsalltag zu vermeiden. Davon profitiert auch das gesamte Ausbildungsteam.
Du kannst unterschiedliche Perspektiven im Team bewusst einbeziehen und Vielfalt so als Ressource nutzen. So können im Ausbildungsalltag neue Wege und innovative Lösungen entstehen.
Zugewanderte Auszubildende bringen vielfältige Erfahrungen und Perspektiven mit, von denen das gesamte Team profitieren kann. Aber wie gelingt die Integration von internationalen Azubis in der Praxis?
Ein bewährtes Instrument zur Integration neu zugewanderter Azubis sind Patenprogramme: Erfahrene Teammitglieder oder Auszubildende aus einem höheren Lehrjahr stehen den neuen internationalen Azubis abseits der Fachinhalte zur Seite. So finden sie im Ausbildungsalltag leichter Orientierung, knüpfen früh Kontakte und können offene Fragen niedrigschwellig klären.
Ein weiterer wichtiger Baustein ist eine offene Fehlerkultur, die du im Ausbildungsalltag aktiv vorleben kannst. Das duale Ausbildungssystem ist für viele internationale Azubis ungewohnt. Manche verschweigen deshalb aus Angst vor Konsequenzen ihre Fehler. Vermittle ihnen, dass Fehler in der Ausbildung als Lernchancen gelten. So können sie offen über Unsicherheiten sprechen, gemeinsam Lösungen entwickeln und aus ihren Erfahrungen lernen.
Weitere praxisnahe Anregungen, Methoden und Hilfestellungen für die Ausbildung von Jugendlichen mit Zuwanderungsgeschichte findest du in unserem Lernpaket „Auszubildende mit Zuwanderungsgeschichte ausbilden“. Dort erhältst du konkrete Werkzeuge und Handlungsempfehlungen für eine erfolgreiche, wertschätzende und diversitätssensible Ausbildungspraxis.
Quellenangaben :