Viele Ausbildungsbetriebe suchen Nachwuchs. Menschen mit Behinderung werden dabei noch zu selten angesprochen. Dieser Beitrag zeigt, warum sich eine inklusive Ansprache lohnt und wie du über Stellenausschreibungen, persönliche Netzwerke, Berufsbildungswerke und Schulen passende Kontakte aufbauen kannst. So wird aus Offenheit eine konkrete Chance für beide Seiten.
Gute Gründe, Menschen mit Behinderung für deine offenen Ausbildungsstellen gezielt anzusprechen, gibt es viele. Der Wichtigste: Durch niedrige Geburtenjahrgänge und eine größere Studienneigung ist die Anzahl an ausbildungsinteressierten jungen Menschen insgesamt kleiner geworden. Da kommt es mehr denn je darauf an, das eigene Angebot möglichst breit zu streuen und jede und jeden zu berücksichtigen. Gerade wenn dein Unternehmen regional stark eingebunden ist, ist es zudem optimal, wenn deine Mitarbeitenden und Azubis auch ein Querschnitt durch deine Kundinnen und Kunden sind. Und natürlich gehören da auch Menschen mit Behinderung dazu.
Darüber hinaus kann dein Unternehmen durch die Ausbildung eines Menschen mit Schwerbehinderung auch Geld sparen. Die Ausgleichsabgabe ist eine gesetzliche Zahlung, die Unternehmen mit mindestens 20 Arbeitsplätzen leisten müssen, wenn sie nicht genügend Menschen mit Schwerbehinderung beschäftigen. Wenn ihr nicht alle Pflichtarbeitsplätze besetzt habt, kann die Ausbildung eines Menschen mit Schwerbehinderung die Abgabe reduzieren. Eine auszubildende Person mit Schwerbehinderung wird dabei sogar auf zwei Pflichtarbeitsplätze angerechnet (Sozialgesetzbuch IX, § 154 Absatz 1; § 156 Absatz 2; § 160 Absatz 1).
Junge Menschen mit Behinderung haben in der Regel bereits seit ihrer Geburt oder Kindheit eine körperliche oder seelische Beeinträchtigung. Und sie haben in dieser Zeit auch gelernt, mit den Bedingungen einer Gesellschaft zu leben, die nicht immer auf sie ausgerichtet ist. Damit unterscheiden sie sich von älteren Menschen mit Behinderung, die in der Regel durch eine Krankheit in eine neue Lebenssituation gebracht werden und sich im Anschluss anpassen müssen.
Das kann ein Vorteil sein. Zugleich stehen Ausbilderinnen und Ausbilder vor einer zusätzlichen pädagogischen Aufgabe, junge Menschen mit Behinderung dabei zu unterstützen, ihre Bedürfnisse im Arbeitsalltag klar zu benennen und dies auch Teamkolleginnen und Teamkollegen gegenüber zu kommunizieren. Hier gilt es, als Ausbilderin und Ausbilder Fingerspitzengefühl zu beweisen.
Wichtig: Die Anzahl von jungen Menschen mit einem Schwerbehindertenausweis ist gering. Dies liegt zum einen daran, dass die meisten körperlichen oder seelischen Ursachen einer Behinderung erst im Laufe eines Lebens eintreten. Zum anderen haben sich manche jungen Menschen mit gesundheitlichen Beeinträchtigungen mit der Thematik möglicherweise noch nicht beschäftigt. Bei einem Teil könnten auch die Eltern Vorbehalte gehabt haben, eine Anerkennung einer Behinderung zu beantragen, weil sie befürchten, dass ihr Kind dadurch diskriminiert wird. Wenn du als Ausbilderin oder Ausbilder den Eindruck hast, dass eine Beeinträchtigung vorliegen könnte, kannst du davon berichten, was für Unterstützungsangebote es gibt und welche Voraussetzungen dafür vorliegen müssen. Die Feststellung einer Behinderung erfolgt jedoch auf Antrag der betroffenen Person. Du kannst daher informieren und unterstützen, aber niemanden dazu verpflichten, einen Antrag zu stellen (Sozialgesetzbuch IX, § 152 Absatz 1).
1. Der einfachste Kontaktweg ist es, Menschen mit Behinderung bewusst in deinen regulären Stellenausschreibungen mit anzusprechen. Und zwar ganz egal, ob du diese online, zum Beispiel auf deiner Homepage oder in einer Facebook-Gruppe, oder in der lokalen Zeitung veröffentlichst. Dies betrifft zum einen die Chancengleichheit beim Auswahlverfahren. Hier kannst du mit Formulierungen wie „bei gleicher Eignung werden Menschen mit Behinderung bevorzugt eingestellt“ oder etwas unverbindlicher „wir freuen uns über die Bewerbung von Menschen mit Behinderung“ punkten. Du kannst auch konkrete Hilfsangebote ansprechen, wie zum Beispiel „Wir unterstützen dich bei der Beantragung von Hilfsmitteln“. Auch Punkte wie „Unterstützung in privaten Lebenslagen“ oder „Angebot von Nachhilfeunterricht“ können für die Zielgruppe interessant sein. Wichtig: Du solltest nur das versprechen, was ihr im Ausbildungsbetrieb auch halten könnt.
2. Nicht immer braucht es eine Stellenausschreibung. Zufriedene Mitarbeitende können für dich in ihrem eigenen Netzwerk werben. Wenn du zum Beispiel bei einem Betriebsfest oder am schwarzen Brett bekannt gibst, dass du auch junge Menschen mit Behinderung für die Ausbildung gewinnen willst, kann sich das schnell in deiner Region herumsprechen. Es müssen dabei nicht nur die Kinder der eigenen Mitarbeitenden sein. Viele Menschen engagieren sich privat auch in Sportvereinen oder in sozialen Einrichtungen und kommen dort in Kontakt mit jungen Menschen mit Behinderung.
3. Die Berufsbildungswerke sind ein bundesweites Netzwerk, das immer auf der Suche nach Unternehmen ist, die junge Menschen mit Behinderung für längere Praktika aufnehmen. Junge Menschen mit Behinderung absolvieren dort eine Tätigkeit in regulären Ausbildungsberufen und werden dabei von pädagogischem Personal gezielt unterstützt. Eine Kontaktaufnahme kann für dich insbesondere interessant sein, wenn du noch nicht die Erfahrung hast, eine Ausbildung von Menschen mit Behinderung komplett allein zu stemmen. Ebenfalls ist eine Kooperation sinnvoll, wenn du junge Talente mit Behinderung einmal unverbindlich über einen längeren Zeitraum kennen lernen möchtest. Du kannst unkompliziert bei deinem nächstgelegenen Berufsbildungswerk anrufen und als Ausbilderin oder Ausbilder um ein Erstgespräch bitten.
4. Je nach Bundesland werden junge Menschen mit Behinderung in Förderschulen unterrichtet oder in Regelschulen zusätzlich gefördert. Berufsorientierungstage bieten dir die Möglichkeit, mit ihnen in Kontakt zu treten. Viele Schulen haben verantwortliche Lehrerinnen und Lehrer als Ansprechpersonen, die dein Interesse weiterleiten können. Wenn du bereits Azubis oder Mitarbeitende mit Behinderung beschäftigst, können diese für dich als Botschafterinnen und Botschafter bei Ausbildungsinteressierten auftreten. Und du als Ausbilderin oder Ausbilder kannst spezifisch aufzeigen, wie du deinen Handlungsspielraum nutzt, um eure Ausbildung barrierefrei zu gestalten.
Menschen mit Behinderung für deine Ausbildung zu gewinnen, beginnt mit einer offenen Ansprache. Als Ausbilderin oder Ausbilder kannst du sehr unterschiedliche Vorgehensweisen nutzen: Formuliere Stellenausschreibungen inklusiv, aktiviere dein Netzwerk, sprich Berufsbildungswerke an und gehe auf Schulen zu. So entstehen Kontakte, aus denen Praktika und später Ausbildungsverhältnisse werden können. Ganz wichtig: Schaue dabei auch auf jeden einzelnen Menschen. Er oder sie hat eine Behinderung oder eine gesundheitliche Beeinträchtigung, aber auch viele andere Merkmale und Interessen. Indem du dich für Menschen mit Behinderung als Ausbildungsinteressierte offen zeigst, gibst du dir selbst auch eine Chance, diese kennenzulernen und deine Ausbildung zu stärken.