Warum entstehen Konflikte in der Ausbildung, obwohl alle Beteiligten eine gute Zusammenarbeit wollen? Nicht immer liegen die Ursachen in fehlender Motivation oder mangelnder Gesprächsbereitschaft. Oft spielen unbewusste Denk- und Wahrnehmungsmuster eine Rolle. Dieser Beitrag zeigt, wie Wahrnehmungsbias Konflikte beeinflussen und wie du Spannungen frühzeitig erkennen kannst.
Du investierst Zeit in Gespräche, formulierst Erwartungen aus deiner Sicht klar und möchtest deine Azubis bestmöglich begleiten. Trotzdem entstehen immer wieder Konflikte, die auf den ersten Blick schwer nachvollziehbar sind. Feedback wird anders aufgenommen als beabsichtigt, Vereinbarungen werden nicht umgesetzt oder Spannungen kehren trotz Klärungsversuchen immer wieder zurück?
Solche Konflikte gehören zwar zum Ausbildungsalltag, doch wirklich herausfordernd wird es dann, wenn die Ursachen nicht klar erkennbar sind. Denn was auf den ersten Blick wie mangelnde Motivation, fehlende Zuverlässigkeit oder Widerstand wirken kann, hat häufig ganz andere Auslöser. Werden diese übersehen, geraten Konflikte leicht in eine Sackgasse.
Der Grund: Wir reagieren nicht auf die Situation selbst, sondern auf die Bedeutung, die wir ihr geben. Noch bevor Konflikte sichtbar werden, wirken psychologische Mechanismen, die beeinflussen, wie wir Situationen wahrnehmen und bewerten.
Wer diese Mechanismen kennt, kann Spannungen früher erkennen und Konflikte konstruktiver begleiten.
Treten Konflikte auf, richtet sich der Blick zunächst auf das sichtbare Verhalten:
Was wir dabei nicht sehen, sind die Ursachen hinter diesem Verhalten.
Denn um Situationen schnell einordnen, Informationen verarbeiten und Komplexität reduzieren zu können, nutzt unser Gehirn automatisch bekannte Muster und Annahmen. Es greift auf Erfahrungen zurück, um nicht jede Situation neu analysieren zu müssen. (vgl. Kahneman, 2012)
Diese mentale Abkürzung hilft uns, im Alltag handlungsfähig zu bleiben.
Doch dabei treten häufig sogenannte Wahrnehmungsbias auf. Darunter verstehen wir systematische Denk- und Wahrnehmungsmuster, die entstehen, weil unser Gehirn Informationen möglichst effizient verarbeitet. Sie helfen uns, Entscheidungen schnell zu treffen und Unsicherheiten zu reduzieren. Gleichzeitig können sie dazu führen, dass wir Situationen verzerrt wahrnehmen, Zusammenhänge vereinfachen, vorschnelle Schlüsse ziehen oder Konfliktursachen falsch einschätzen.
Im Folgenden lernst du drei Wahrnehmungsbias kennen, die im Ausbildungsalltag häufig zu Missverständnissen, vorschnellen Bewertungen und festgefahrenen Konflikten beitragen können.
Menschen neigen dazu, das Verhalten anderer eher auf deren Persönlichkeit zurückzuführen als auf die tatsächliche Situation. (vgl. Ross, 1977)
„Ein Azubi gibt eine Aufgabe wiederholt verspätet ab.“
Eine mögliche Erklärung lautet: „Die Person arbeitet unzuverlässig."
Doch wechseln wir die Perspektive, könnte ebenso wahr sein: „Die Aufgabe war unklar.”, „Es fehlt an Struktur." oder „Der Azubi ist überfordert und traut sich nicht, es anzusprechen.”
Gerade in Konfliktsituationen suchen wir oft nach einer schnellen Erklärung. Die finden wir häufig eher in der Persönlichkeit der Person als bei den Umständen, die diese Situation prägen oder gar in unserer eigenen Beteiligung.
Nicht selten geraten Menschen also in Konflikt, weil sie dieselbe Situation unterschiedlich bewerten und diese Erklärung anschließend für die einzige Wahrheit halten.
Mit zunehmender Erfahrung vergessen wir leicht, wie es war, etwas noch nicht zu wissen. Genau das beschreibt der sogenannte Curse of Knowledge, der „Fluch des Wissens". (vgl. Camerer et al., 1989)
Für erfahrene Ausbilder:innen und Fachkräfte sind bestimmte Fachbegriffe, Arbeitsabläufe, Prioritäten oder unausgesprochene Regeln im Betrieb selbstverständlich.
Für Auszubildende gilt das oft nicht. So können Konflikte entstehen, die auf den ersten Blick wie mangelnde Motivation oder fehlende Eigeninitiative wirken können.
Vielleicht kennst du diesen Gedanken: „Das habe ich doch erklärt.“ Der Azubi verlässt das Gespräch jedoch mit offenen Fragen und traut sich nicht, erneut nachzufragen, vielleicht aus Unsicherheit, mangelndem Vertrauen oder Scham.
Manche Konflikte entstehen nicht durch fehlende Bereitschaft zur Zusammenarbeit, sondern durch den Unterschied zwischen Expertenwissen und Lernperspektive.
Unsere Erwartungen beeinflussen unbewusst, wie wir mit Menschen umgehen. Wenn wir überzeugt sind, dass jemand besonders engagiert ist, gehen wir oft anders mit dieser Person um als mit jemandem, den wir als schwierig wahrnehmen. (vgl. Rosenthal und Jacobson, 1971)
Im Ausbildungsalltag kann das dazu führen, dass sich Erwartungen ungewollt selbst bestätigen.
Beispiel: Eine Ausbilderin hat den Eindruck, ein Azubi sei wenig zuverlässig. Unbewusst kontrolliert sie häufiger, erklärt Aufgaben detaillierter und überträgt weniger Verantwortung.
Der Azubi spürt das fehlende Vertrauen, entwickelt weniger Eigeninitiative und wirkt tatsächlich zunehmend unselbstständig.
Am Ende scheint die ursprüngliche Einschätzung bestätigt.
Manchmal wird ein Konflikt nicht durch das Verhalten einer Person größer, sondern durch die Erwartungen, die beide Seiten bereits voneinander haben.
Wahrnehmungsbias lassen sich nicht vermeiden. Sie gehören zur normalen Funktionsweise unseres Gehirns.
Je sicherer wir glauben zu wissen, warum sich jemand auf eine bestimmte Weise verhält, desto größer ist die Gefahr, dass wir bereits eine Interpretation mit der Ursache verwechseln.
Gerade für Ausbilder:innen lohnt sich dieser Blick auf die eigene Wahrnehmung besonders. Du begleitest Lern- und Entwicklungsprozesse, gibst Rückmeldungen, triffst Entscheidungen und prägst durch dein Verhalten die Ausbildungsbeziehung. Die eigenen Erwartungen, Erfahrungen und Bewertungen beeinflussen deshalb nicht nur die Einschätzung einer Situation, sondern auch, wie Auszubildende auf Unterstützung, Feedback oder Verantwortung reagieren.
Wer die eigenen Interpretationen regelmäßig hinterfragt, schafft bessere Voraussetzungen für Verständnis, Vertrauen und eine konstruktive Zusammenarbeit. So können Konflikte häufig bereits erkannt werden, bevor sie sich verfestigen (vgl. Glasl, 2020).
Während Verhalten sichtbar ist, sind es Motive und Hintergründe meist nicht.
Ein guter Indikator für vorschnelle Schlussfolgerungen ist das Gefühl, die Ursache eines Konflikts bereits genau zu kennen. Hier können dir folgende Fragen für einen Perspektivwechsel helfen:
Wenn du dir diese Fragen früh stellst und dir somit selbst Raum für neue Sichtweisen gibst, kannst du Spannungen erkennen bevor daraus festgefahrene Konflikte werden. Gleichzeitig entsteht die Grundlage für Gespräche, die auf Verständnis statt auf Vermutungen aufbauen.
Nimm dir nach einem schwierigen Gespräch oder einer konflikthaften Situation zwei Minuten Zeit und notiere, was du konkret beobachtet hast. Halte anschließend fest, welche Interpretation oder Bewertung du daraus abgeleitet hast. Überlege zuletzt, welche alternative Erklärung ebenfalls zutreffen könnte.
Schon diese kurze Reflexion hilft dabei, Beobachtungen und Bewertungen bewusster zu unterscheiden. So erkennst du mögliche Missverständnisse früher und schaffst die Grundlage für konstruktive Gespräche.
Konflikte früh zu erkennen, bedeutet nicht, jedes Problem sofort lösen zu können. Oft beginnt der erste Schritt bereits damit, die eigene Sichtweise zu hinterfragen. Denn je besser du zwischen Beobachtung und Interpretation unterscheiden kannst, desto leichter fällt es, Ursachen zu verstehen und gemeinsam mit deinen Azubis tragfähige Lösungen zu finden.
Im Lernpaket „Konflikte früh erkennen und konstruktiv lösen“ erfährst du, wie Konflikte im Ausbildungsalltag entstehen, welche Rolle Wahrnehmung und Kommunikation dabei spielen und warum manche Situationen schneller eskalieren als andere. Darüber hinaus erhältst du praxisnahe Impulse, um Spannungen frühzeitig wahrzunehmen, unterschiedliche Perspektiven einzubeziehen und konstruktiv mit Konflikten umzugehen.
Quellen
Camerer et al. (1989): The Curse of Knowledge in Economic Settings: An Experimental Analysis. In: Journal of Political Economy, 97(5), S. 1232-1254.
Glasl, Friedrich (2020): Konfliktmanagement. Ein Handbuch für Führung, Beratung und Mediation.
Kahneman, Daniel (2011): Schnelles Denken, langsames Denken.
Rosenthal, Robert und Jacobson, Lenore (1968): Pygmalion im Unterricht. Lehrererwartungen und Intelligenzentwicklung der Schüler.
Ross, Lee (1977): The Intuitive Psychologist and His Shortcomings: Distortions in the Attribution Process. In: Berkowitz, Leonard (Hrsg.): Advances in Experimental Social Psychology, Vol. 10, S. 173-220.