Ausbildung mit KI: Gleiche Tools, ungleiche Lerneffekte
KI ist für viele junge Menschen längst selbstverständlich: 2025 nutzten in Deutschland bereits fast 3/4 KI-Unterstützung. Insbesondere…
Hausaufgaben und Berichtshefte werden heutzutage längst nicht mehr nur mit Hilfe von Suchmaschinen oder den älteren Geschwistern bearbeitet. Die aktuelle JIM-Studie (mpfs, 2025, S. 61) verdeutlicht diesen Wandel: Im Jahr 2025 nutzen bereits fast drei Viertel der jungen Menschen in Deutschland Unterstützung durch künstliche Intelligenz (KI) zum Lernen und zur Bearbeitung von Aufgaben. Nur ein Jahr zuvor waren es erst zwei Drittel.
In der Praxis wird die Reaktion auf diese Veränderung oft von zwei Lagern bestimmt. Während die einen im Einsatz von KI-Tools vor allem ein Ärgernis und die Einladung zum Mogeln sehen, erkennen andere darin eine große Chance in Bezug auf die gezielte Förderung und individuelle (Lern-)Begleitung. Mit KI-Tools gemeint sind dabei heutzutage fast immer die Large Language Models (LLMs), wie die bekannten ChatGPT (OpenAI), Gemini (Google), Claude (Anthropic) oder der Copilot (Microsoft). Ihre schnelle Verbreitung verdanken sie nicht zuletzt der Tatsache, dass sie in natürlicher Sprache und ohne spezielle Kenntnisse bedient werden: ChatGPT etwas zu fragen, ist so einfach wie eine WhatsApp zu schreiben und die Antwort klingt (fast) wie von einem Menschen.
Aufgrund ihrer Zugänglichkeit erwecken insbesondere die LLMs als gängige KI-Tools schnell den Anschein, als erhielten nun endlich alle Azubis die gleichen Chancen und Möglichkeiten, ihre Leistung per Klick zu verbessern. Gute Bewerbungsschreiben, gute Berichtshefte, gute Prüfungsvorbereitung – unabhängig von der bisherigen Bildungsbiografie und dem sozio-kulturellen Hintergrund, hat jede und jeder endlich dieselben Chancen. Doch es zeigt sich bereits, dass dieser Eindruck (leider) täuscht!
In diesem Artikel erfährst du, warum nicht alle Azubis gleichermaßen von den modernen KI-Tools profitieren und was du als Ausbilder:in oder Personalverantwortliche:r tun kannst, um echte Chancengleichheit in der Ausbildung aktiv zu fördern.
Eine der größten Herausforderungen im Ausbildungsalltag ist es, allen Azubis gerecht zu werden und sie individuell zu unterstützen. Die Idee, KI-Tools als niederschwellige und „clevere“ Lernassistenz einzusetzen, scheint daher naheliegend. Wo vorher von Azubis Aufgaben aus Frust abgebrochen wurden, könnten KI-Tools theoretisch als Brücke dienen. Auf Anfrage (Prompt) bieten sie Zwischenschritte und Hilfsstellungen bis zur „Komplettlösung“.
Doch eine globale Studie aus dem Jahr 2024 zeigt ein anderes Bild: bereits 86% der Lernenden weltweit setzen regelmäßig KI-Tools ein, aber der sinnvolle Umgang damit ist kaum erprobt (DEC Global AI Student Survey, 2024). Auch die Rechercheergebnisse der Arbeiterwohlfahrt zum Spannungsfeld zwischen Gerechtigkeit und KI (AWO, 2025) zeigen: Privilegierte Gruppen profitieren deutlich stärker von KI als weniger privilegierte.
Um das Ergebnis einzuordnen, ist es wichtig den Kontext „privilegiert“ genauer anzuschauen. Er beschreibt Azubis, die beispielsweise durch ein bildungsnahes Elternhaus, finanzielle Sicherheit und einen frühen Zugang zu digitaler Technik bereits mit einer hohen Medienkompetenz in die Ausbildung starten. Dieses Privileg ist oft der Grundstein für eine spätere Leistungsstärke, während Azubis aus bildungsfernen oder finanziell schwächeren Milieus häufig zu den leistungsschwächeren Gruppen gehören, da ihnen diese „Startvorteile“ fehlen. Im weiteren Rahmen gehören noch/auch sozio-kulturelle Faktoren oder individuelle Herausforderungen und Einschränkungen dazu.
Im Ausbildungsalltag lässt sich beobachten, dass leistungsstarke Azubis KI-Tools bereits geschickt als Lernbegleitung (Tutor:in) einsetzen, während leistungsschwächere Auszubildende oft nur wenig Profit aus der Technik schlagen. Der Grund liegt unter anderem im sogenannten Niveau bzw. Grad der eigenen KI-Kompetenz (AI Literacy – also der Fähigkeit, KI zu verstehen, zu bewerten und sinnvoll zu nutzen).
Leistungsschwächere Azubis nutzen KI-Tools meist auf der Ebene der „aufwandsarmen Bewältigung“: Die Aufgabenstellung wird kopiert, die Antwort des KI-Tools blind übernommen. Ein echter Denkprozess, im Sinne von aktiver Auseinandersetzung mit den Inhalten, findet nicht oder nur unzureichend statt. Da die Ausgaben der KI auch nicht kritisch hinterfragt werden (können), werden auch unzureichende oder fehlerhafte Antworten einfach übernommen. Die Leistung, im Sinne eines umfassenden Verstehens, kann sich auf diese Weise nicht nachhaltig verbessern.
Leistungsstarke Azubis haben hingegen oft schon früher gelernt, wie sie Informationen beschaffen und diese auch kritisch bewerten und einordnen können. Sie nutzen dieselben KI-Tools daher nicht als aufwandsarme Lösungsmaschine, sondern als strategische Lernhilfe. Sie lassen sich dafür bspw. Teilschritte erklären, ihre Antworten überprüfen, nutzen die KI, um sich abfragen oder Übersichten erstellen zu lassen. Auch sind ihre Prompts häufig präziser formuliert und sie erhalten daher (durchschnittlich) qualitativ hochwertigere Antworten und können diese auch hinsichtlich ihrer Qualität und Plausibilität besser einordnen.
Diese Ungleichheit im Nutzen derselben Technologie befeuert eine digitale Spaltung, die Unterschiede nicht aufhebt, sondern verstärkt (AI Gap).
Um dieser Entwicklung entgegenzuwirken, müssen wir als Gesellschaft uns aktiv mit den Chancen aber auch Risiken der neuen Technologie auseinandersetzen. Auch im Ausbildungsalltag kannst du als Ausbilder:in gezielt dazu beitragen, dass mehr Chancengleichheit in Bezug auf KI-Tools entsteht.
Ein erster wichtiger Schritt ist, gezielt die Vorkenntnisse und das Nutzungsverhalten der Azubis aktiv zu erfragen: Wer nutzt welche Tools wofür und wie sicher und sinnvoll ist der Umgang? Mit diesem Wissen kannst du dann den Einsatz der KI-Tools gezielter lenken und auch begleiten, denn KI-Tools können dich als Ausbilder:in nicht ersetzen. Im Gegenteil! Sie machen deine Rolle als Lernbegleitung und Ansprechperson noch wichtiger.
Ganz konkret für dich zusammengefasst
KI-Tools sind eine wertvolle Unterstützung, doch sie tragen nicht automatisch etwas zur Chancengleichheit bei oder sorgen für mehr Gerechtigkeit. Erst wenn ein reflektierter Umgang mit der Technik, verbindlich, transparent und offen, vermittelt und gelebt wird, werden die Potentiale der Technologie für alle nutzbar und Azubis können chancengleich durchstarten.
Als Ausbilder:in kannst du durch einen reflektierten und begleitenden Umgang dazu beitragen, für diese Leistungsschere zu sensibilisieren und sicherstellen, dass KI in deinem Ausbildungsalltag das Lernen fördert, statt das Denken zu ersetzen.
Arbeiterwohlfahrt (AWO) (2025). KI und Gerechtigkeit: Vier Thesen für die Zivilgesellschaft (White Paper).
Medienpädagogischer Forschungsverbund Südwest (MPFS) (2025). JIM-Studie 2025.
Digital Education Council (DEC). (2024). Global AI Student Survey 2024.