Simon Schnetzer ist einer der bekanntesten Jugendforscher in Deutschland und erforscht seit 2010 Jugend, Trends und Generationen in Deutschland, Österreich und der Schweiz. Im Interview erklärt er, warum Wertschätzung und KI zentrale Themen in der Ausbildung sind und gibt Tipps für die Ausbildungspraxis.
Simon Schnetzer (SC): Weil wir gleichzeitig drei Entwicklungen sehen. Erstens verschärft sich der Wettbewerb um den Nachwuchs, zweitens steigen die Erwartungen an Ausbildungserfahrung und Betreuung, und drittens wirkt die gesellschaftliche Bewertung stark auf Motivation und Bindung. In den Daten der aktuellen IW-Bertelsmann-Studie zeigt sich zum Beispiel eine klare Ambivalenz: Eine Berufsausbildung wird als solide Basis gesehen (86 %) und als Weg zu einem guten Leben (69 %). Gleichzeitig sagen 51 Prozent, dass es zu wenig Wertschätzung für die duale Ausbildung in der Gesellschaft gibt. Ein ähnliches Bild sehen wir auch in der aktuellen Nordmetall-Jugend-Studie. Abiturienten präferieren mehrheitlich ein Studium oder zumindest ein duales Studium. Entscheidend ist daher, dass Ausbildung als gleichwertiger Weg verstanden wird, nicht als „Plan B“.
(SC): Unsere Trendstudien „Jugend in Deutschland / Österreich / der Schweiz“ bestätigen diese Ergebnisse klar. Der Wunsch nach mehr Wertschätzung in Form von sozialer Anerkennung ist hoch. Gerade auch weil wir beobachten, dass das Bewusstsein für den Wert einer praxisorientierten, dualen Ausbildung gegenüber einem Studium steigt. Wertschätzung in der Ausbildung bedeutet aber auch Dinge wie Verlässlichkeit, klare Kommunikation, erreichbare Ansprechpartner und konstruktives Feedback. Kurzum: Gutes Leadership, das Sicherheit gibt und in der persönlichen Entwicklung fördert.
(SC): Die fünf wichtigsten Motive sind: Direkt Geld verdienen, lieber Praxis als Lernen, der einzige Weg zum Wunschberuf, aufgrund einer positiven Praktikumserfahrungen („das Praktikum hat Spaß gemacht“) und in der Heimat zu arbeiten. Das zeigt: Eine Ausbildung ist dann attraktiv, wenn sie einen jungen Menschen in der Lebenswelt abholt und eine attraktive Perspektive für die persönliche Entwicklung und das künftige Leben bietet.
(SC): Aufhören, das Studium pauschal zu verherrlichen, und auch an Gymnasien viel stärker auf Praktika setzen, ausdrücklich auch für Ausbildungsberufe. Praktika schaffen reale Erfahrungen und ersetzen Vorurteile durch Erleben.
(SC): Azubis gehören zu den Gruppen, die KI am meisten nutzen, doch mit Blick auf die Arbeitswelt sehen wir in unseren Workshops große Verunsicherung. Was bedeutet KI für meine Perspektiven im Beruf? Gibt es den in 10 Jahren überhaupt noch? Gleichzeitig ist da auch Opportunismus im positiven Sinn. KI kann helfen, ungeliebte Aufgaben abzugeben und sich stärker auf das zu konzentrieren, was sinnvoll ist und Spaß macht. KI kommt – ob wir es wollen oder nicht. Es braucht Weiterbildung, Experimentierkultur, Anpassung von Lehrinhalten und einen aktiven Blick auf Zukunftskompetenzen.
(SC): KI ersetzt nicht die Grundlagen gelingender Zusammenarbeit: Kreativität, Logik, Vertrauen, Miteinander und Zusammenhalt. Und sie ersetzt auch nicht die Notwendigkeit menschlicher Arbeit in vielen Bereichen – Handwerk und Pflege sind hier gute Beispiele. Deshalb bleibt die menschliche Beziehungsgestaltung in der Ausbildung zentral.
(SC): Professionelle Begleitung und klare Regeln. Wenn man junge Menschen allein lässt, passieren leicht Regel-Fauxpas – etwa im Datenschutz oder im Umgang mit Tools. Wichtig ist auch der Austausch über gelungene Beispiele. Das reduziert Angst. KI muss als Werkzeug in konkrete Aufgaben integriert werden, damit Selbstwirksamkeit entsteht statt Überforderung. Wichtig ist letztlich, dass KI-Tools didaktisch klug eingebunden werden. Der KI-Lernfahrplan von Netzwerk Q ist dafür eine gute Möglichkeit.
(SC): Beruflich: Welche Jobs haben Zukunft? Bleibt es beim Arbeitnehmermarkt oder kippt das wieder? Wie entwickeln wir Future Skills, wenn Wissen schneller veraltet? Gesellschaftlich: Wie gehen wir mit Smartphones und Social Media um – regulieren, verbieten oder befähigen? Und über allem steht Generationengerechtigkeit: Rente, Wehrdienst, Sozialsystem. Diese Themen sind nicht abstrakt, sie prägen Sicherheitsgefühl und Entscheidungsmuster. Und wer sich für eine Ausbildung entscheidet, muss das Gefühl haben, den richtigen Lebensweg eingeschlagen zu haben. Dabei hilft Wertschätzung in und für die Ausbildung in ihrer gesamten Breite.