Übernahme von Azubis erfolgreich gestalten
Gute Übernahmequoten reichen nicht aus, wenn junge Fachkräfte kurz danach gehen. Entscheidend ist der Übergang von der Ausbildung in die…
Gute Übernahmequoten reichen nicht aus, wenn junge Fachkräfte kurz danach gehen. Entscheidend ist der Übergang von der Ausbildung in die Fachrolle. Ein strukturierter Übernahmeprozess gibt Orientierung, zeigt Wertschätzung und spart Ressourcen. Als Ausbilder:in gestaltest du diesen Übergang aktiv und sorgst dafür, dass junge Talente langfristig im Unternehmen bleiben.
Rund 79 Prozent der Auszubildenden werden in Deutschland nach erfolgreichem Abschluss vom Ausbildungsbetrieb übernommen. Das klingt nach einer guten Quote. Doch gleichzeitig berichten über 40 Prozent der ausbildenden Unternehmen, dass zu wenige ihrer selbst ausgebildeten Fachkräfte langfristig im Betrieb bleiben. Wenn du ausbildest, kennst du diese Erfahrung vermutlich aus dem eigenen Alltag: viel Zeit, viel Engagement, viel Begleitung und dann der Weggang kurz nach der Übernahme. Wie passt das zusammen? Der kritische Punkt liegt dabei selten in der Ausbildung selbst. Entscheidend ist der Übergang in die Festanstellung. Genau hier beginnt deine Rolle als Ausbilder:in erneut und sie ist wirksamer, als vielen bewusst ist. Ausbilder:innen sind heute nicht nur Qualifizierende, sondern Karrierebegleiter:innen und Bildungsmanager:innen im Übergang zur Fachkraft.
Klare Übernahme- und Entwicklungsperspektiven nach der Ausbildung sind für viele junge Menschen ein entscheidender Faktor bei der Wahl eines Ausbildungsplatzes. Unklare Erwartungen, fehlende Orientierung und Kommunikation führen dagegen häufig zu Unsicherheit.
Für viele Unternehmen wird jedoch Übernahme noch immer als formaler Abschluss der Ausbildung verstanden. Dabei wird übersehen, dass Übernahme kein Automatismus ist. Übernahme ist ein Wendepunkt. Für deine Auszubildenden beginnt hier ein tiefgreifender Rollenwechsel vom Lernenden zur Fachkraft. Oft im gleichen Team, aber mit anderen Erwartungen und anderer Verantwortung. Wird dieser Wechsel aktiv gestaltet, hilft es beiden Seiten. Ein strukturierter Übernahmeprozess sorgt für Orientierung und Motivation bei deinen Auszubildenden. Darüber hinaus sicherst du deinem Unternehmen durch die Ausbildung langfristig qualifizierte Fachkräfte.
Du bist als Ausbilder:in für deine Auszubildenden die zentrale Bezugsperson. Du bist Lernbegleiter:in und Mentor:in – häufig über Jahre hinweg. Dennoch endet deine Rolle in vielen Betrieben faktisch mit der Abschlussprüfung. Genau hier liegt ungenutztes Potenzial.
Du kannst Übernahmeprozesse ...
des Rollenwechsels vom Azubi zur Fachkraft aktiv gestalten. Gerade in Zeiten zunehmender Heterogenität der Auszubildenden gewinnt diese Begleitung an Bedeutung. Übernahmeprozesse sind damit nicht nur ein HR-Thema, sondern fester Bestandteil deiner modernen Ausbildungspraxis.
Phase 1 - Startphase: Orientierung geben, bevor Zweifel entstehen (12 bis 9 Monate vor Abschluss)
Jetzt ist der richtige Moment für ehrliche Gespräche.
Als Ausbilder:in erlebst du deine Azubis täglich.
Du siehst Potenziale, aber auch Entwicklungsfelder.
Ein strukturiertes Feedbackgespräch mit klaren Entwicklungszielen schafft Verlässlichkeit.
Gleichzeitig wird der Personalbedarf abgeglichen.
So entsteht früh Klarheit – für dich, den Betrieb und für den Menschen, der sich fragt:
Hat meine Zukunft hier einen Platz?
Phase 2 - Entscheidungsphase: Klarheit statt Schwebezustand (6 bis 4 Monate vor Abschluss)
Nichts bindet weniger als Ungewissheit.
In dieser Phase wird entschieden, ob und in welcher Rolle eine Übernahme erfolgen kann.
Deine Einschätzung zählt hier besonders. Du kennst die fachliche und persönliche Entwicklung deines Auszubildenden. Eine transparente Abschlussbewertung und eine realistische Übernahmeeinschätzung verhindern spätere Enttäuschungen auf beiden Seiten.
Das spart Zeit, vermeidet Missverständnisse – und stärkt das Vertrauen.
Phase 3 - Angebotsphase: Wertschätzung sichtbar machen (ca. 3 Monate vor Abschluss)
Jetzt wird es konkret. Ein Übernahmegespräch ist mehr als ein Vertrag – es ist ein Signal:
Wir wollen dich als Fachkraft.
Wenn Konditionen klar und verbindlich kommuniziert werden und das Team frühzeitig eingebunden ist, entsteht Zugehörigkeit.
Deine ehemaligen Azubis kommen nicht „neu“ ins Unternehmen, sondern sie kommen bewusst in einer neuen Rolle.
Phase 4 - Übergangsphase: Rollenwechsel aktiv begleiten (1 bis 2 Monate vor Abschluss)
Der Rollenwechsel passiert nicht automatisch.
Er braucht Vorbereitung.
In dieser Phase helfen klare Absprachen zur Einarbeitung, zu Erwartungen und Verantwortlichkeiten.
Du als Ausbilder:in bleibst eine wichtige Bezugsperson. Deine gezielte Begleitung reduziert Reibungsverluste und gibt Sicherheit in einer sensiblen Phase.
Phase 5 - Start als Fachkraft: Ankommen lassen statt verlieren (0 bis 3 Monate nach Übernahme)
Die Ausbildung ist vorbei. Aber deine Wirkung als Ausbilder:in nicht.
Ein strukturiertes Onboarding und regelmäßige Feedback- und Entwicklungsgespräche sorgen dafür, dass neue Fachkräfte nicht nur funktionieren, sondern ankommen.
Hier entscheidet sich, ob aus einem ehemaligen Auszubildenden ein engagiertes Teammitglied wird. Und eine Fachkraft, die Verantwortung übernimmt und das Team stärkt.
Die Zahlen sind eindeutig: Ausbildung allein sichert noch keine Fachkräfte. Erst ein gut gestalteter Übergang macht aus deinen Auszubildenden langfristig erfolgreiche Mitarbeitende. Je strukturierter du das Ende der Ausbildung planst, desto erfolgreicher verläuft die Übernahme und desto stabiler entwickeln sich die Karrieren junger Fachkräfte in deinem Unternehmen.
Quelle:
Bertelsmann-Stiftung/ IW (2025): Was macht die duale Ausbildung attraktiv? Wünsche von jungen Menschen und Angeboten von Unternehmen im Vergleich. Gütersloh.