Azubis verstehen, Beziehungen stärken und Feedback gestalten

Gute Ausbildung beginnt bei der Haltung: Wer Azubis wirklich versteht, schafft Vertrauen, stärkt Motivation und fördert Entwicklung. Wie das gelingt? Mit einem klaren Blick auf Persönlichkeit, Bedürfnisse und wirkungsvolles Feedback. Drei zentrale Fragen zeigen, wie du deinen Ausbildungsalltag wertschätzend und wirksam gestaltest.

Bedürfnisse erkennen und Vertrauen aufbauen

In einer Werkhalle einer Tischlerei steht Samira neben der Hobelbank und beobachtet ihre drei Auszubildenden im ersten Lehrjahr. Sie stellt Fragen, hört aufmerksam zu und nimmt kleine Unsicherheiten wahr. „Was hat dich gerade ins Stocken gebracht?“, fragt sie ruhig. Samira kennt ihre Azubis noch nicht genau – sie lernt sie Schritt für Schritt kennen, beobachtet, welche Aufgaben ihnen leichtfallen, sie motivieren oder herausfordern. Manchmal genügt ein kurzer Hinweis, manchmal ein gemeinsamer Blick auf den nächsten Arbeitsschritt. Ihr Ziel ist es, Vertrauen aufzubauen, die Bedürfnisse jedes Einzelnen zu verstehen und eine Lernumgebung zu schaffen, in der sich die jungen Menschen sicher ausprobieren und weiterentwickeln können. 

Erfahrung nutzen und gezielt begleiten

In einem Logistikunternehmen betreut Marlon nun im dritten Jahr fünf Azubis der Fachrichtung Lagerlogistik. Die Abläufe sind eingespielt und die Aufträge werden im Team zuverlässig erledigt. Marlon kennt seine Auszubildenden inzwischen gut und weiß, was sie motiviert, wo ihre Stärken liegen und welche Unterstützung sie benötigen. Fehler spricht er sachlich an, ohne Vorwürfe zu formulieren. Wenn jemand ins Stocken gerät, gibt er klare Impulse. Sein Blick richtet sich sowohl auf die individuelle Entwicklung als auch auf die Leistungsfähigkeit des Teams. So verbindet er Struktur, Verlässlichkeit und wertschätzende Führung im Ausbildungsalltag. 

Der Unterschied im Ausbildungsalltag beginnt bei deiner inneren Haltung. 

Wenn du Bedürfnisse erkennst, Persönlichkeiten verstehst und Reaktionen reflektierst, gestaltest du eine wertschätzende Beziehung und schaffst damit ein Umfeld, in dem u. a. Motivation wächst, Verantwortung übernommen wird und Entwicklung nachhaltig gelingt. 

Wen habe ich vor mir? Persönlichkeiten und Werte deiner Azubis

Jede:r Auszubildende bringt individuelle Persönlichkeitsmerkmale mit, die das Verhalten im Ausbildungsalltag prägen. Hinter beobachtbarem Verhalten stehen häufig Werte – etwa Offenheit oder Verlässlichkeit – sowie Bedürfnisse, wie Anerkennung oder Entwicklung. 

Unterschiedliche Persönlichkeitstypen zeigen dabei spezifische Stärken:  

  • Leistungsorientierte Personen bevorzugen klare Ziele und messbare Ergebnisse, 

  • entwicklungsorientierte Personen legen Wert auf Lernen und Kreativität.   

Diese Unterschiede beeinflussen Aufgabenverständnis, Entscheidungen und den Umgang mit Feedback. Samira beobachtet ihre neuen Azubis daher aufmerksam, um ihr Vorgehen an deren Bedürfnissen auszurichten. Marlon erkannte mit seiner offenen Haltung die Leistungsorientierung seiner Azubi-Gruppe und konnte seine Methoden entsprechend anpassen.   

So entsteht wertschätzende Kommunikation, die fachliche und persönliche Entwicklung gleichermaßen fördert und Vertrauen nachhaltig stärkt. 

Empathie und Impathie – Beziehung bewusst gestalten

Empathie und Impathie sind zentrale Werkzeuge für dich als Ausbilder:in, um auf die unterschiedlichen Persönlichkeitstypen und Bedürfnisse deiner Azubis einzugehen. Empathie bedeutet dabei, Gedanken und Gefühle wahrzunehmen, zu verstehen und angemessen darauf zu reagieren. Samira hat dies gezeigt, indem sie ihre Azubis aufmerksam beobachtet, aktiv zuhört und gezielt nachfragt, um Unsicherheiten zu erkennen und Eigenverantwortung zu fördern. Impathie schützt dahingegen vor emotionaler Überforderung, indem Gefühle anderer wahrgenommen, aber nicht übernommen werden. So bleibt deine eigene professionelle Handlungsfähigkeit erhalten. Marlon nutzt Impathie, indem er sachlich bleibt und Feedback direkt respektvoll vermittelt. Im Zusammenspiel ermöglichen diese Werkzeuge eine strukturierte, wertschätzende und motivierende Ausbildung. 

Was braucht mein Gegenüber? Bedürfnisse und Reaktionsmuster erkennen

Hinter scheinbar unbewussten Reaktionen steckt oft mehr, als zunächst sichtbar ist. Rückzug, Gereiztheit oder übermäßige Rechtfertigung können Ausdruck von Reaktionsmustern wie Fight, Flight, Freeze oder Fawn sein. Das autonome Nervensystem prüft ständig, ob wir sicher sind oder reagieren müssen, und aktiviert entsprechende Schutzmechanismen. 

Das Bild zeigt vier quadratische Abschnitte, die verschiedene Reaktionen auf Stress darstellen: "Fight" (Aktivierung), "Flight" (Flucht), "Freeze" (Erstarren/Rückzug) und "Fawn" (Anpassung). Jeder Abschnitt beschreibt Signale und alltägliche Verhaltensweisen, die mit diesen Reaktionen verbunden sind.
Abbildung: Fight–Flight–Freeze–Fawn: 4 Reaktionsmuster, Eigene Darstellung

Praktisch bedeutet das im Ausbildungsalltag:  

  • Verhalten bewusst beobachten, ohne es sofort zu interpretieren (Was genau sehe oder höre ich?),  

  • Beobachtung und Bewertung trennen, um vorschnelle Schlüsse zu vermeiden 

  • Bedürfnisse hinter dem Verhalten (etwa Unsicherheit oder Überforderung) erkennen und 

  • eigene Reaktionen reflektieren und professionell steuern.  

Wenn du Reaktionsmuster verstehst, kannst du respektvoll reagieren, Missverständnisse vermeiden und einen Rahmen schaffen, in dem Selbstvertrauen und Eigenverantwortung wachsen. 

Historie und Trigger verstehen

Jede Reaktion ist eingebettet in persönliche Vorerfahrungen, die unsere Reaktionen beispielsweise auf Feedback, Anforderungen oder Stress beeinflussen. Diese sogenannte Historie kann durch Trigger ausgelöst werden. Trigger sind Auslöser, die oft zu unbewusst intensiven emotionalen Reaktionen führen. Typische Trigger im Ausbildungsalltag können Vergleiche, starker Zeit- und Leistungsdruck oder ein abwertender Tonfall sein.  

Du erkennst Trigger-Reaktionen mitunter an  

  • plötzlichen Blockaden,  

  • übermäßigen Rechtfertigungen,  

  • Gereiztheit oder  

  • starken Selbstzweifeln. 

Hier ist Empathie gefragt: Verhalten sollte nicht vorschnell bewertet, sondern zunächst verstanden werden. Dabei hilft es, ruhig zu bleiben, nicht zu personalisieren, gezielt nachzufragen und klare, sachliche Rückmeldungen zu geben. Wenn du zudem die eigenen Trigger kennst, bleibst du empathisch und handlungsfähig.  

Wie gebe ich konstruktives Feedback? Individuell, wertschätzend und entwicklungsorientiert

Regelmäßige Feedbacks stärken die Motivation und Selbstwahrnehmung deiner Azubis nachhaltig. Dabei ist der Perspektivwechsel entscheidend: Statt vorschnell zu bewerten, überlege, welches Bedürfnis hinter einem Verhalten steht – Sicherheit, Herausforderung oder Sinn? 

Unsichere, bemühte Azubis brauchen Bestätigung und Struktur, um Selbstvertrauen aufzubauen. Hier gibt mitunter die STAR-Methode Sicherheit, indem Fortschritte aufgezeigt werden. Leistungsstarke, unterforderte Azubis profitieren von Entwicklungsimpulsen mit der „Keep–Start–Challenge“ Methode oder Feedforward. Die Eigenverantwortung von wenig motivierten, zurückhaltenden Azubis stärken niedrigschwellige Formate wie „2 Stars and a Wish“ oder der GROW-Ansatz.  

Wirksames Feedback basiert wesentlich auf  

  • konkreten Beobachtungen,  

  • Ich-Botschaften und  

  • zukunftsorientierten Entwicklungsimpulsen.   

Persönliche Abwertungen, Vergleiche sowie Verallgemeinerungen sollten vermieden werden. So wird Feedback zum verbindenden Element eines respektvollen Ausbildungsalltags. 

Wirksam begleiten im Ausbildungsalltag

Die Beispiele von Samira und Marlon zeigen: Gute Ausbildung ist kein Zufallsprodukt. Sie entsteht dort, wo Ausbilder:innen Beziehungen bewusst gestalten, Orientierung geben und Entwicklung aktiv fördern. Samira schafft durch Aufmerksamkeit und Nachfragen Vertrauen, Marlon gibt mit Klarheit und Struktur Sicherheit und fordert zugleich individuell heraus. 

Als Ausbilderin oder Ausbilder leitest du nicht nur fachlich an, sondern bist auch Beziehungs- und Lernbegleiter:in, Orientierungsgeber:in und prägst die Unternehmenskultur im Ausbildungsalltag. Deine innere Haltung, Kommunikationsweise und dein Umgang mit verschiedenen Bedürfnissen entscheiden maßgeblich über Motivation, Selbstvertrauen und Leistungsbereitschaft der Azubis. 

Quellen:  

Dohrmann, Andreas, 2025, Fight-Flight-Freeze-Frawn: 4 Stressmuster im Alltag mit Erklärung. [18.02.2026]. www.gesundheitsinstitut-sundao.de/post/fight-flight-freeze-fawn-4-stressmuster-im-alltag-mit-erkl%C3%A4rung 

Hurrelmann, Klaus / Bauer, Ullrich, 2019, Einführung in die Sozialisationstheorie, Das Modell der produktiven Realitätsverarbeitung, Weinheim Basel. 

Lindner, Doris, 2025, Feedforward-Methode im Führungsalltag - 5 Schritte zur Anwendung. [15.02.2026]. Feedforward-Methode für Führungskräfte – Wirkung & Anwendung 

Püttjer, Christian / Schnierda, Uwe, o. J., STAR-Methode - Beispiele, STAR-Fragen + Antworten. [12.02.2026]. https://www.karriereakademie.de/star-methode 

Ringel, Robert, o. J., Die Bedeutung von Feedback für die Motivation beim Lernen und Lehren. [12.02.2026]. https://www.htw-dresden.de/fileadmin/HTW/Fakultaeten/Informatik_Mathematik/Profilseiten/Ringel/FeedbackUndMotivation.pdf 

Sloane, Paul, 2014, A Great Way to Give Feedback: Two Stars and a Wish. [12.02.2026]. https://www.lifehack.org/articles/communication/great-way-give-feedback-two-stars-and-wish.html 

Dieser Fachbeitrag ist Teil des folgenden Lernpakets

Es werden zentrale Persönlichkeitsprinzipien vermittelt, um Verhalten von Auszubildenden besser zu verstehen und das eigene Handeln zu reflektieren.

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