Vom Praktikum zum Azubi - früh als Ausbildungsbetrieb positionieren

Zwei Männer in gelben Arbeitsjacken stehen in einer Werkstatt. Sie schauen auf ein Dokument, während einer von ihnen etwas erklärt. Der Hintergrund zeigt technische Geräte und einen Lkw, was auf eine technische oder handwerkliche Umgebung hinweist.

Wer Praktika gezielt einsetzt, kann im Wettbewerb um Auszubildende entscheidende Vorteile erzielen. Gut strukturierte Schülerpraktika bieten dir die Chance, Jugendliche früh für deinen Ausbildungsberuf und Betrieb zu begeistern, Potenziale zu erkennen und Talente langfristig zu gewinnen. So wird das Praktikum zum strategischen Recruiting-Instrument zur Azubigewinnung.

Praktika als Schlüssel zur Fachkräftesicherung

Wer Praktika strategisch einsetzt, verschafft sich im Wettbewerb um Azubis einen echten Vorsprung. Ein gut organisiertes Schülerpraktikum ist weit mehr als „ein bisschen Reinschnuppern“. Es ist deine Chance, junge Menschen frühzeitig für einen Ausbildungsberuf bei dir im Betrieb zu begeistern, passende Talente kennenzulernen und sie gezielt zu binden. Betriebe, die Praktika bewusst als Recruiting-Instrument nutzen, gewinnen ihre künftigen Azubis schon während der Schulzeit und stärken zugleich ihr Image als attraktiver Ausbildungsbetrieb - eine Investition, die sich für dich in Zeiten von sinkenden Ausbildungszahlen, hohen Vertragslösungsquoten und unbesetzten Ausbildungsplätzen besonders lohnt.

Ausgangslage: Sinkende Azubizahlen, hohe Lösungsquote, unklare Entscheidungen

Die Zahl der Auszubildenden ist in den letzten Jahren deutlich zurückgegangen, gleichzeitig bleibt ein wachsender Anteil an Ausbildungsplätzen unbesetzt. Laut dem Bundesinstitut für Berufsbildung (2025, 23f.) blieben 2015 zum Stichtag 30. September 7,6 Prozent der betrieblichen Ausbildungsplätze in Deutschland unbesetzt, während es 2024 bereits 12,8 Prozent waren, was jedem achten Ausbildungsplatz in Deutschland entspricht. In vielen Branchen stehen Ausbildungsbetriebe vor der Herausforderung geeignete Jugendliche für ihre Ausbildungsstellen zu gewinnen und damit verknüpft eine langfristige Fachkräftesicherung zu gewährleisten. Hinzu kommt, dass viele Ausbildungsverträge vorzeitig gelöst werden - das heißt eine Vertragspartei tritt vom Ausbildungsverhältnis zurück (2023: 29,7 Prozent der Ausbildungsverträge). Dies impliziert, dass eine große Zahl an Jugendlichen mit unklaren Vorstellungen in die Ausbildung startet und eine Verbesserung bei der beruflichen Orientierung notwendig ist.

Praktikum als Entscheidungshilfe

Praktische Einblicke in Betriebe und Berufe, zum Beispiel in Form eines Praktikums, sind ein geeigneter Weg, diesen Entwicklungen entgegenzusteuern. Konkret liegt der Schlüssel zum Erfolg darin, dass die Jugendlichen das Berufsbild, den Arbeitsalltag und die Anforderungen bereits frühzeitig kennenlernen und mit ihren eigenen Erwartungen abgleichen können. Jugendliche teilen diese Ansicht und sehen Praktika als eine zentrale Maßnahme zur Berufsorientierung. In einer Befragung von Arndt et al. (2024) bewerten 90,7 Prozent der befragten 14- bis 25-jährigen Praktika als wichtig zur Berufsorientierung.

Erfolgsfaktor Praktikum für den Ausbildungsbetrieb

Ein Praktikum bietet jedoch nicht nur den Jugendlichen einen Mehrwert, sondern ist auch eine Chance für Ausbildungsbetriebe sich als attraktiver Arbeitgeber zu positionieren, unter den Praktikant:innen potenzielle Azubis kennenzulernen und diese im Anschluss für einen Ausbildungsplatz zu gewinnen. Viele Unternehmen geben an, ihre Azubis über Praktika gefunden zu haben und somit die Chance von Praktika für die Azubi-Gewinnung bereits zu nutzen. Schülerpraktika sind ein strategisch wichtiges Instrument, um junge Menschen frühzeitig für duale Ausbildung zu gewinnen, sowie Fehlentscheidungen bei der Berufswahl zu reduzieren.

Praktika als Recruiting-Instrument für Ausbildungsbetriebe

Nachfolgend ist für dich zusammengefasst, welche Vorteile dein Ausbildungsbetrieb davon hat Praktika anzubieten:

  • Azubi-Gewinnung: Du kannst Jugendliche frühzeitig für den Ausbildungsberuf sowie für deinen Betrieb begeistern und gewinnst so Azubis und zukünftige Mitarbeitende.
  • Ausbildungseignung: Du kannst potenzielle Azubis in einem unverbindlichen Rahmen kennen lernen und bekommst einen guten ersten Eindruck über seine/ihre Arbeitseinstellung, die Eignung für das Team sowie Motivation und Interesse am Ausbildungsberuf.
  • Stärkung der Arbeitgebermarke: Du hast die Chance dich mit den Berufsfeldern deines Betriebs als attraktiver Arbeitgeber zu präsentieren und so im Wettbewerb um Azubis und zukünftige Fachkräfte hervorzustechen.
  • Weiterempfehlung: Zufriedene Praktikant:innen wirken als Multiplikator:innen, indem sie ihre positiven Erfahrungen teilen und den Betrieb im Freundes-, Familien- und Bekanntenkreis weiterempfehlen, was eine besonders wirkungsvolle Form der Werbung darstellt.

Weitere Vorteile für Ausbildungsbetriebe durch Praktika

Risikominimierung: Fehlentscheidungen für ein Ausbildungsverhältnis sind aufwendig und kostspielig (Abbruch / Kündigung). Durch ein Praktikum können beide Seiten ein realistisches Bild voneinander erhalten und sich frühzeitig kennenlernen.

Schnellere Einarbeitung: Einarbeitungszeit und Orientierungsphase zu Beginn der Ausbildung sind kürzer, wenn Azubis den Betrieb bereits kennen.

Gesellschaftliche Anerkennung: Du trägst einen wichtigen Teil zur Berufsorientierung junger Menschen bei.

Generationenverständnis: Die Gelegenheit, die junge Generation aus nächster Nähe kennenzulernen und ein Gespür dafür zu bekommen, wie sie tickt und was ihr wichtig ist.

Innovationsimpulse: Praktikant:innen bringen durch ihre frische Perspektive neue Impulse. Nutze diese, um bestehende Prozesse zu hinterfragen und zu verbessern und somit für deine tägliche Arbeit zu profitieren. 

Vorteile & Nutzen von Praktika für Jugendliche

Um ein Praktikum sinnvoll zu gestalten, ist es wichtig, dass du den Nutzen und die Erwartungen der Jugendlichen an ein Praktikum kennst:

  • Erste Einblicke: Sie erhalten erste Einblicke in Beruf und Betrieb und lernen Herausforderungen, Anforderungen und typische Tätigkeiten kennen.
  • Praxis-Erlebnis: Sie sammeln Informationen aus erster Hand und erleben den Beruf durch praktische Aufgaben.
  • Realitäts-Check: Sie gleichen ihre eigenen Vorstellungen des Ausbildungsberufs mit der Realität ab.
  • Selbsteinschätzung: Sie erkennen ihre Stärken, Schwächen und Interessen im Arbeitskontext und reflektieren, welche Ausbildung zu ihren Kompetenzen und Vorstellungen passt.
  • Lebenslauf: Sie reichern ihren Lebenslauf durch erste Praxiserfahrung an und legen somit einen Grundstein für zukünftige Chancen. 

Erwartungen der Jugendlichen an den Umgang im Praktikum

Junge Menschen finden unter anderem ein gutes Betriebsklima und Entwicklungschancen bei Ausbildungen besonders attraktiv. Studien zu Praktikumserwartungen der Jugendlichen bestätigen ähnliche Einstellungen:

  • Gutes Betriebsklima: Jugendliche achten darauf, ob ein freundlicher und respektvoller Umgang sowie eine angenehme Atmosphäre im Team bestehen. Sie beobachten, ob Beschäftigte Spaß und Engagement bei der Arbeit zeigen.
  • Wertschätzung: Jugendliche möchten ernst genommen werden. Anmerkungen und Leistungen sollen beachtet und anerkannt werden.
  • Lernerfolg: Jugendliche wollen fachlich und persönlich etwas dazulernen.
  • Feedback und Begleitung: Regelmäßige Feedback- und Zwischengespräche sowie die Möglichkeit Rückfragen zu stellen sind ebenfalls wichtige Faktoren. 

Erwartungen der Jugendlichen an die Praktikumsgestaltung

Weitere Erwartungen der Jugendlichen an ein Praktikum beziehen sich konkret auf die Planung und Gestaltung von Praktika:

  • Realistischer Einblick: Sie wollen ein authentisches Bild des Berufs bekommen und vielfältige Aufgaben kennenlernen.
  • Aktives Mitwirken: Sie möchten selbstständig Aufgaben übernehmen und eigene Fähigkeiten erproben.
  • Direkter Austausch: Die Möglichkeit Gespräche mit Auszubildenden und erfahrenen Fachkräften über Ausbildungswege, Tätigkeiten und Anforderungen zu führen.
  • Gute Struktur: Sie erwarten klare Organisation, vorbereitete Betreuung, feste Ansprechpersonen und definierte Aufgabenbereiche während des Praktikums. 

Vertane Chancen der Betriebe

Leider gibt es immer noch Betriebe, die die Bedeutsamkeit von Praktika als Recruiting-Instrument unterschätzen und sich den Erwartungen der Jugendlichen an ein Praktikum nicht bewusst sind. So kommt es vor, dass Beteiligte im Betrieb überrascht sind, wenn ein Praktikum ansteht, Aufgaben werden hastig gewählt und niemand hat spontan Zeit für Praktikant:innen. Es mangelt an Vorbereitung, die Durchführung verläuft unstrukturiert ohne Plan, eine Nachbereitung entfällt. Die Praktikant:innen langweilen sich mit eintönigen Aufgaben und ohne feste Ansprechperson. Das kann dazu führen, dass kein Mehrwert entsteht und beide Seiten froh sind, wenn das Praktikum vorbei ist. Im schlimmsten Fall wird das Praktikum so negativ wahrgenommen, dass Mitschüler:innen, Sportvereinsfreunden und sonstigen Bekannten von einem Praktikum sowie einer Berufsausbildung bei dir im Betrieb abgeraten wird!

Relevanz eines strukturierten Vorgehens

Damit ein Praktikum hingegen von beiden Seiten als positiv wahrgenommen wird und ein voller Erfolg für die Azubi-Gewinnung ist, sind eine frühzeitige Vorbereitung, eine strukturierte und organisierte Durchführung sowie eine anknüpfende Nachbereitung essenziell. Ein gelungener Start kann zum Beispiel so aussehen: Du begrüßt die Praktikant:innen persönlich, stellst das Team vor, gibst einen klaren Überblick über die Woche und startest direkt mit einer ersten, überschaubaren Aufgabe, bei der sie aktiv mitarbeiten können.

Rolle der Ausbilder:innen

Während des gesamten Praktikumsprozesses ist deine Rolle als Ausbilder:in sowohl die des/der Organisator:in als auch der betrieblichen Ansprechperson. Wenn ein/eine Praktikant:in für dich als Azubi interessant ist, heißt es außerdem dranbleiben und den Kontakt aufrechterhalten. Hier fungierst du als Koordinator:in und als Botschafter:in des Ausbildungsbetriebs nach außen.

Fazit

Lerne deine Azubis von morgen kennen und nutze das Praktikum gezielt, um passende Nachwuchskräfte zu gewinnen. Damit dir das gelingt, braucht es ein strukturiertes und durchdachtes Vorgehen - von der Vorbereitung über die Durchführung bis zur Nachbereitung. Du lernst, wie du Praktika konkret planst, umsetzt und nachhaltig für deine Azubi-Gewinnung nutzt.

Quellen:

Arndt, Franziska et al., 2024, Wie sich Jugendliche und Unternehmen auf dem Ausbildungsmarkt suchen und finden (können). Eine kombinierte Jugend- und Unternehmensbefragung. Bertelsmann Stiftung (Hrsg.), Gutachten der Bertelsmann Stiftung in Zusammenarbeit mit dem Institut der deutschen Wirtschaft Köln e.V., Gütersloh und Köln

Becker, Heidi, 2023, Praktika erfolgreich gestalten: Tipps für Betreuerinnen und Betreuer, AUBI – plus, abgerufen am 04.02.2026 von www.aubi-plus.de/blog/praktika-erfolgreich-gestalten-tipps-fuer-betreuerinnen-und-betreuer-5543/

Bundesinstitut für Berufsbildung (Hrsg.), 2023, Datenreport zum Berufsbildungsbericht 2023. Informationen und Analysen zur Entwicklung der beruflichen Bildung. Bundesinstitut für Be-rufsbildung, Bonn

Bundesinstitut für Berufsbildung (Hrsg.), 2025, Datenreport zum Berufsbildungsbericht 2025. Informationen und Analysen zur Entwicklung der beruflichen Bildung. Bundesinstitut für Be-rufsbildung, Bonn

DIHK - Deutscher Industrie‑ und Handelskammertag e. V. (Hrsg.), 2019, Schülerpraktikum. Ein Leitfaden für Unternehmen, Berlin

Hagenmüller, Stefanie, 2025, Relevante Faktoren der Berufswahl und ihre Berücksichtigung im Betriebspraktikum. von Schülerinnen und Schülern aus Sicht der betrieblich Verantwortlichen. Berufsbildung, Arbeit und Innovation – Dissertationen/Habilitationen, Bd. 93, Bielefeld

IHK Hessen - Industrie- und Handelskammer Arbeitsgemeinschaft Hessen, 2017, Praktika gestalten. Ein Praxisleitfaden für Unternehmen. Industrie- und Handelskammer Darmstadt Rhein Main Neckar (Hrsg.) in Zusammenarbeit mit der Arbeitsgemeinschaft der Hessischen Handwerkskammern, Darmstadt

IHK Magdeburg - Industrie- und Handelskammer Magdeburg, o. J., Praktikumsleitfaden für Unternehmen, Magdeburg

KOFA – Kompetenzzentrum Fachkräftesicherung, 2023, (Schüler-) Praktikum, abgerufen am 04.02.2026 von www.kofa.de/mitarbeiter-finden/ausbildung/azubis-finden/berufsorientierung/schueler-praktikum/

Leis, Tanja / Hoffmann, Christina, 2016, Leitfaden 3 der Arbeitsmappe „Azubimarketing für Unternehmen der Bauwirtschaft – In den Baubetrieb reinschnuppern“. RKW Kompetenzzentrum (Hrsg.), 2016, Leitfaden zum Praktikum im Bauunternehmen und zur Nachwuchsgewinnung, Eschborn

Schleer, Dr., Christoph, 2018, Schule-Wirtschaft-Kooperationen - Was sagen Jugendliche da-zu? Eine Studie des SINUS-Instituts für das Netzwerk Berufswahl-SIEGEL. Heidelberg

Schöpp, Miriam / Risius, Paula / Martin, Valeska / Jansen, Anika, 2021, Neue (digitale) Wege in der Berufsorientierung, Institut der deutschen Wirtschaft Köln e. V. (Hrsg.), KOFA-Studie 2/2021, Köln

SCHULEWIRTSCHAFT Deutschland (Hrsg.), 2023, Tipps für ein erfolgreiches Praktikum in Ihrem Unternehmen. Handout mit Empfehlungen zur Gestaltung und Planung von Unternehmenspraktika (Stand: Oktober 2023), SCHULEWIRTSCHAFT Deutschland, Berlin

SIZ - Behörde für Schule und Berufsbildung Schulinformationszentrum, 2013, Das Praktikum der Stadtteilschule. Leitfaden für Unternehmen. Aktionsbündnis für Bildung und Beschäftigung Hamburg – Hamburger Fachkräftenetzwerk (Hrsg.), Hamburg 

Dieser Fachbeitrag ist Teil des folgenden Lernpakets

Erfahre, wie du Praktika gezielt als Recruiting-Instrument nutzt, um Jugendliche für deinen Betrieb zu begeistern und als neue Azubis zu gewinnen.

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