Spielend leicht Azubis onboarden - Gamification wirkungsvoll einsetzen
Motivation steigern und Abbruchraten senken – Gamification ist ein mächtiges Tool, das gekonnt eingesetzt bereits im Onboarding von Azubis…
Motivation steigern und Abbruchraten senken – Gamification ist ein mächtiges Tool, das gekonnt eingesetzt bereits im Onboarding von Azubis eine große Wirkung entfalten kann. Hier findest du einen praxisnahen Einstieg über dieses spannende Thema.
„Du warst es! Am Mittwochabend hast du die Akte gestohlen und in deinem Büro versteckt!“
Als Marie diese Worte im Namen aller neuen Azubis an ihren Ausbilder Herrn Müller richtet, grinst sie breit über das ganze Gesicht – ebenso wie Herr Müller, der sehr stolz auf die Anschuldigung seiner Auszubildenden ist. Denn diese haben damit ihren ersten Ausbildungstag erfolgreich gemeistert: inhaltlich und als Team. Er überreicht die besagte Akte feierlich seinen fünf neuen Azubis. Darin liegen Urkunden über die erfolgreiche Teilnahme am Azubi-Teambuilding-Workshop „Der Fall der verschwundenen Akte – Mein erster Tag in der Ausbildung“.
Wenn wir spielerische Elemente wie Punkte, Geschichten, Belohnungen oder Wettbewerbe in spielfremde Kontexte, beispielsweise die Ausbildung, integrieren, reden wir von Gamification. Dabei entsteht kein Spiel im klassischen Sinne, sondern die Realität fühlt sich spielerischer an. Das reduziert Stress und steigert die Motivation – bei uns und unseren Azubis.
Gerade im Onboarding von Auszubildenden ist das ein Vorteil, der gar nicht hoch genug geschätzt werden kann. Innerhalb kurzer Zeit müssen Auszubildende:
Das ist eine beachtliche Herausforderung, viel Input und viel Stress für meist noch sehr junge Menschen. Gamification kann helfen, diese Inhalte leichter und nachhaltiger zu vermitteln.
Dabei sind der Kreativität keine Grenzen gesetzt: Die Bandbreite an Spielelementen, die wir nutzen können, ist riesig. Die Wirkweise dahinter ist immer dieselbe: Wir aktivieren unser Gehirn, werden neugierig und engagiert und interagieren mit den uns gegebenen Inhalten – idealerweise mit einer kleinen Belohnung am Ende. Diese löst wiederum Glücksgefühle aus und treibt uns an, noch mehr zu machen.
Vor allem drei Aspekte lassen sich mit Gamification besonders gut ansprechen:
Das sind Grundbedürfnisse fasst aller Menschen und auch für die Ausbildung zentrale Themen. Als besonderes Extra bleiben Inhalte, die wir mit Erlebnissen, Emotionen und Interaktivität verbinden, besonders gut im Gedächtnis haften – ideal für Lerninhalte!
Das hat auch Herr Müller aus unserem fiktiven Beispiel erkannt. Er ist Ausbilder in einer großen Bankfiliale, in der jedes Jahr mehrere Azubis anfangen. Gerade hier ist der Einstieg nicht immer leicht: Viele Kolleg:innen und Räumlichkeiten, strikte Vorgaben, sensible Daten, anspruchsvolle Kundschaft und ein großes Produktportfolio stellen seine Azubis regelmäßig vor Herausforderungen. Umso wichtiger ist es ihm, dass die Auszubildenden einen schönen ersten Tag haben, an den sie sich gern zurückerinnern.
Denn bereits die ersten Tage und Wochen entscheiden häufig darüber, ob ein Azubi die Ausbildung abbricht oder nicht. In diesem Zeitraum werden erste zentrale Fragen beantwortet: Fühle ich mich wohl? Habe ich mit dieser Ausbildung die richtige Entscheidung getroffen? Ist es, wie ich es mir vorgestellt habe? Fühle ich mich der Aufgabe gewachsen?
Als Ausbilder:innen begleiten und gestalten wir diese überaus sensible Ausbildungsphase. Daher haben wir großen Einfluss darauf, wie die Antworten auf diese Fragen ausfallen.
Herr Müller hat sich entschieden, den ersten Tag mit einem Workshop zu starten, der mit Storytelling und Teamarbeit Leben in die sonst eher drögen administrativen Abläufe bringt. So werden seine Azubis direkt mit einer Krimi-Geschichte konfrontiert: Eine wichtige Akte ist verschwunden, klärt den Fall auf! Innerhalb dieses Rollenspiels lernen die Azubis wichtige Kolleg:innen und Abteilungen kennen, müssen sich für ihre Nachforschungen mit den Räumlichkeiten der Filiale und der Schlüsselvergabe sowie Datenschutzbestimmungen und Passwörtern beschäftigen. Sie lernen spielerisch erste wichtige Abläufe kennen und müssen in kleinen Rätselaufgaben zusammenarbeiten und ihre persönlichen Kompetenzen einbringen.
Dabei ist Gamification kein einfaches Kochrezept. Es gehört viel Wissen über Spielmechaniken, Umsetzungsmöglichkeiten und die Ausgangslage dazu. Wo möchte ich wann und warum mit Gamification arbeiten? Welches Ziel verfolge ich damit? Zusätzlich braucht es Kreativität, etwas Gefühl für das richtige Ausmaß und nicht zuletzt eine gewisse Frusttoleranz. Denn Gamification ist in der Erstellung fast immer auch ein kleines „Trial-and-Error“ – Fehler gehören schlichtweg dazu. Hier eine kleine Übersicht über die wohl häufigsten Fehler:
Je nach Situation und Umsetzung gibt es noch viele weitere Fehler. Diese schränken die Wirkung von Gamification massiv ein. Allerdings sollte man sich auch bewusst machen, dass Gamification kein Allheilmittel für demotivierte Auszubildende ist. Gamification kann die Motivation steigern, sie aber nur selten komplett erzeugen. Im Gaming würde man das als “Buff”, also eine temporäre Werte-Verstärkung, bezeichnen. Und genauso wie Buffs kann auch Gamification schnell unübersichtlich werden, wenn zu viele Elemente gleichzeitig angewendet werden.
Als Faustregel sollte Gamification daher sparsam eingesetzt werden, punktuell für einzelne Themen oder als Rahmen, der Raum für die konkreten Inhalte lässt.
Wer noch keine Idee hat, wie das eigene Onboarding von Azubis mit Gamification aussehen könnte, kann sich Inspiration in fast allen Bereichen des Lebens holen. Denn Gamification ist kein neues Konzept. Die ersten Anwendungen in wirtschaftlichen Kontexten (z. B. Flugmeilen) gehen mindestens bis in die 60er Jahre zurück und sind heute fast überall.
Wir finden Gamification beim Einkaufen (Payback-Punkte), beim Musik hören (Spotify “Wrapped”), im Gaming bzw. Sport (Trophäen sammeln), beim Sprachenlernen (tägliche Übungen mit Bonus-Punkten), und und und... Wer die Augen offen hält, kann überall Inspiration finden.
Bei der Konzeption und Umsetzung können verschiedene Tools helfen. Dazu zählt beispielsweise die Erstellung von spielerischen Lerntests, Chatanwendungen mit eingebauten Umfragen, aber auch die Zuhilfenahme von KI zur Konzeption eines Workshops mit Storytelling, wie es vermutlich Herr Müller getan hat. Dabei ist es wichtig, Vor- und Nachteile einzelner Tools zu kennen sowie zu wissen, wonach man diese Tools auswählt.
Am Ende sollte immer eine Testphase stehen, um zu gucken, ob alles verständlich ist und funktioniert. Umso komplexer das Konzept, desto wichtiger ist die Testphase! Als Testgruppe eignen sich je nach Thema andere Azubis, die die gewünschten Inhalte schon kennen, oder auch weitere Mitarbeitende und Kolleg:innen.
Gamification ist eine großartige Möglichkeit, den Ausbildungsalltag und die Onboarding-Phase mit Interaktion, Spannung und Spaß zu gestalten sowie die Motivation der Auszubildenden von Beginn an zu steigern. Es erfordert Kreativität und ein grundlegendes Wissen zu Spielmechaniken, ist aber kein Hexenwerk – auch kleine Bausteine können Großes bewirken. Dabei gehören Fehler und Ausprobieren zum Prozess dazu.
Am Ende ist vor allem wichtig, dass auch die Konzeption Spaß macht. Denn, ob wir als Ausbilder:innen Spaß an Gamification haben, spiegelt sich im Ergebnis wider – und das merken auch unsere Auszubildenden.
Marie wird ihren ersten Tag in der Bank auf jeden Fall in bester Erinnerung behalten und vielen Freunden davon erzählen. Und Herr Müller macht sich bereits Gedanken, wie er seinen Onboarding-Prozess noch weiter mit Gamification auflockern kann.