Neuanfänge begleiten - Wertschätzendes Offboarding von Azubis

Drei Personen sitzen an einem Tisch in einem modernen Besprechungsraum. Sie diskutieren lebhaft, während ein Laptop vor ihnen steht. Eine Person lächelt, während die anderen aufmerksam zuhören. Die Atmosphäre wirkt freundlich und kooperativ.

Lukas und Tobi haben es geschafft: Sie halten seit heute ihre Gesellenbriefe in den Händen! Ausbildung abgeschlossen, jetzt haben beide erstmal frei. Lukas, weil er umzieht und in zwei Wochen als Facharbeiter in einer neuen Firma anfängt. Tobi hingegen, weil er arbeitslos ist. Lukas hat seine Gesellenprüfung mit Bravour bestanden, Tobi ist gerade so durchgekommen, dabei waren ihre Leistungen bis vor 6 Monaten noch vergleichbar. Was ist passiert?

Entscheidung Nicht-Übernahme = Stress und Perspektivlosigkeit?

Wie schön wäre es, könnten wir alle Azubis einfach übernehmen und so unsere Betriebe stetig weiter ausbauen. Leider ist das nicht immer realistisch. Manchmal müssen wir unangenehme Entscheidungen treffen und sagen: “Du musst anschließend woanders anfangen.” Die Gründe dafür können vielfältig sein, strategisch, wirtschaftlich oder persönlich. In jedem Fall bedeutet es einen massiven Einschnitt für unsere Auszubildenden. Anstatt sich voll und ganz auf die Abschlussprüfung konzentrieren zu können, belasten die Azubis zahlreiche existentielle Fragen:

  • Wie möchte ich meine berufliche Laufbahn weiter gestalten?
  • Kann ich hier am Ort eine neue Arbeit finden?
  • Kann ich einen Umzug überhaupt finanzieren?
  • Wenn sich kein direkter Übergang ergibt: Wie überbrücke ich finanziell die Lücke bis zum ersten Gehalt?

Hinzu kommen verschiedene organisatorische Fragen:

  • Wo, wann und wie muss ich mich arbeitssuchend melden?
  • Wie kann ich die ganzen Termine (Arbeitsagentur, Bewerbungen, Prüfungen) und lernen zeitlich unter einen Hut bringen?
  • Wann schreibe ich Bewerbungen und wie bekomme ich alle Unterlagen dafür zusammen?
  • Was muss ich bei einem Umzug alles beachten?

Auch wenn viele dieser Fragen vermeintlich in den privaten Bereich fallen, stehen sie doch alle mit der Ausbildung in Verbindung. Es geht um Stichworte wie Berufslaufbahnkompetenz, Resilienz, Selbstwirksamkeit und Prüfungsvorbereitung. Als Ausbilder:innen ist es daher unsere Aufgabe, Azubis auch in dieser Phase zu unterstützen. Gemeinsam können wir einen bestmöglichen Abschluss vorbereiten, um Stress zu reduzieren und einen wertschätzenden Ausklang für die Ausbildung zu finden.  

Worst Case: Tobi stürzt ab

Tobi hat sich riesig gefreut, als er vor drei Jahren seine Ausbildung zum Tischler beginnen konnte. Die kreative und praktische Arbeit macht ihm bis heute Spaß und er würde wahnsinnig gerne weiter in dieser Richtung arbeiten, vielleicht noch seinen Meister machen, und irgendwann selbstständig sein. Leider befindet sich sein Ausbildungsbetrieb in einer wirtschaftlichen Flaute. Obwohl immer von Übernahme die Rede war, wurde Tobi vor 5 Monaten gesagt, er könne nicht übernommen werden.

Für Tobi kommen seither verschiedene Aspekte sehr ungünstig zusammen:

In seiner Kleinstadt gibt es keinen anderen Betrieb, der Tischler beschäftigt. Tobi steht vor der Entscheidung, seinen Beruf erstmal aufzugeben oder seine geliebte Heimat zu verlassen. Beides möchte er nicht. In jedem Fall muss er sich aber bewerben. Nur wo und wie, weiß er nicht. Er meldet sich arbeitssuchend, ist aufgrund seiner Unentschlossenheit jedoch schwierig zu vermitteln. Zeit und Geld sind weitere wichtige Faktoren. Mit Arbeitslosengeld könnte er gerade so seine Wohnung und Lebensmittel finanzieren. Freizeitaktivitäten und ein Sozialleben wären für den baldigen Gesellen gestrichen. Es muss also schon vorher eine Lösung her.  
Zusätzlich hat Tobi Prüfungsangst und das Lernen für die schriftliche Prüfung ist nicht seine Stärke.  

Der Versuch, spontan Urlaub zu nehmen, um einige Dinge zu regeln, scheitert ebenfalls. Andere Kolleg:innen haben bereits Urlaub bewilligt bekommen und die Personaldecke lässt weitere urlaubsbedingte Ausfälle nicht zu. Außerdem wurde vor ein paar Monaten das Warenwirtschaftssystem umgestellt und Tobi ist der Einzige, der es richtig bedienen kann. Die oberste Priorität in der Firma ist daher, Tobis Wissen zu sichern und anderen Kolleg:innen zugänglich zu machen.

Dieser Mix aus internen und externen Stressfaktoren, fehlender Orientierung und mangelnder Unterstützung sorgt dafür, dass Tobi sich nicht ausreichend auf seine Abschlussprüfung fokussieren kann.  Seine Leistungen stürzen ab, er fühlt sich allein gelassen und schafft die Prüfung nur gerade so. Seine berufliche Perspektive bleibt zunächst ungewiss. 

Best Case: Lukas startet neu

Grundsätzlich befindet sich Lukas in einer ähnlichen Situation - Kleinstadt, Tischler-Ausbildung, große Wünsche für die Zukunft, Prüfungsangst, Spezialwissen zu einem wichtigen Fachbereich. Allerdings sind zwei wesentliche Faktoren bei Lukas anders:  Er weiß von Beginn an, dass er nicht übernommen wird, und er hat einen unterstützenden Ausbilder.  

  • Da von vornherein klar ist, dass Lukas nicht übernommen wird, laufen die Vorbereitungen für sein Ausbildungsende bereits seit Beginn des dritten Lehrjahres:
  • Reflektierende Gespräche zu seinem weiteren Lebensweg stärken Lukas Berufslaufbahnkompetenz.
  • Bis zum Halbjahr soll Lukas sein Spezialwissen weitergegeben haben, damit er sich anschließend auf seine Prüfungen konzentrieren kann.  
  • Lukas bekommt rechtzeitig ein großartiges Zwischenzeugnis.  
  • Die Personalerin bietet ihm an, sich seine Bewerbungen vorab einmal anzugucken.
  • Neben den verpflichtenden Freistellungen für den Bewerbungsprozess wird Lukas in den letzten Monaten mehr Flexibilität in seiner Arbeitszeit zugestanden. So kann er Lernen und Umzugsvorbereitung besser in Einklang bringen.  
  • Lukas Kolleg:innen stehen ihm mit Rat und Tat zur Seite, wenn er Fragen zum Umzug oder zu Antragsformularen der Arbeitsagentur hat.

Durch diese Unterstützung findet Lukas schnell einen neuen Arbeitsplatz – dort wird er langfristig sogar eine Aufstiegsfortbildung beginnen und seinen Traum weiterverfolgen können. Seinen Ausbildungsbetrieb behält er in guter Erinnerung.

Fazit: Zwischen Unterstützung und Realität

Die fiktiven Fälle von Lukas und Tobi zeigen, wie sehr sich selbst kleine Stellschrauben auswirken können. Auch wenn diese Fälle zum Teil etwas überspitzt sind, stehen uns viele Möglichkeiten offen, unsere Azubis in der letzten Ausbildungsphase tatkräftig zu unterstützen. Dabei sind sowohl Planung als auch Flexibilität gefragt, um den realen Anforderungen gerecht zu werden. Wird eine Ausbildung beendet ist Wissensmanagement immer ein relevantes Thema, dass rechtzeitig angegangen werden sollte. Freiräume hingegen müssen ausgehandelt werden oder sind manchmal schlicht nicht möglich.  

Wie sehr wir diese herausfordernde Situation ernst nehmen und uns engagieren, unsere Azubis zu unterstützen, entscheidet am Ende darüber, wie sehr sie sich wertgeschätzt fühlen. Offene Kommunikation, möglichst langfristigen Perspektiven und kleine Hilfestellungen können einen großen Unterschied machen und das Offboarding von Auszubildenden für beide Seiten erleichtern.

Dieser Fachbeitrag ist Teil des folgenden Lernpakets

Nicht immer können wir Azubis übernehmen. Hier lernst du, wie du trotzdem einen wertschätzenden Abschluss findest und Azubis strukturiert offboardest.

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