Wie gelingt es, Auszubildende mit ganz unterschiedlichen Stärken gemeinsam voranzubringen – und sie auch in schwierigen Phasen motiviert zu halten? Im Interview verrät Holger Reurthmanns, Meister bei der NGN Netzgesellschaft Niederrhein mbH, wie er mit Leistungsunterschieden konstruktiv umgeht, Eigenverantwortung stärkt und Motivation gezielt fördert. Seine praxiserprobten Tipps zeigen: Mit Empathie, Feedback und kleinen Erfolgserlebnissen lässt sich Motivation nachhaltig aufbauen – selbst in anspruchsvollen Ausbildungssituationen.
Holger: Mir ist wichtig, dass die Azubis ihre Probleme selbst erkennen und Lösungen erarbeiten. So erleben sie ihre eigenen Erfolge – das motiviert viel stärker, als wenn ich alles vorgebe. Oft reicht schon eine kleine Hilfestellung, damit sie selbst auf den richtigen Weg kommen. Natürlich nimmt das manchmal mehr Zeit und Geduld in Anspruch, aber der Lerneffekt zahlt sich aus.
Holger: Leistungsunterschiede gibt es in jeder Gruppe. Wichtig ist, dass sie nicht als „Problem“ gesehen werden, sondern als Chance. Ich setze auf positive Anreize und kleine Vorbilder. Wer schon etwas weiter ist, kann den anderen zeigen, wie es geht. Das weckt bei den Schwächeren den Ehrgeiz, ebenfalls besser zu werden, und die Stärkeren bleiben gefordert.
Holger: Feedback ist für mich unverzichtbar. Viele Azubis schätzen ihre Leistungen falsch ein. Ein klares Feedback hilft, die eigene Position besser zu verstehen. Ich erinnere mich an einen Azubi, der dachte, er sei nicht gut genug. Durch gezieltes Feedback konnte ich ihm zeigen, was er schon kann und wo er noch ansetzen sollte. Danach ging er deutlich selbstbewusster an die Aufgaben heran.
Holger: Ich lasse die Auszubildenden bewusst Aufgaben selbst bearbeiten, wenn ich weiß, dass sie es schaffen können. Diese Erfolgserlebnisse stärken ihr Selbstvertrauen und machen sie unabhängiger. Bei kleineren Projekten lasse ich sie oft komplett den Ablauf planen und umsetzen, begleite aber im Hintergrund. Und ich biete eine offene Fehlerkultur, denn nur so ermutige ich die Azubis auch neue Dinge auszuprobieren. Es ist ok, auf dem Weg Fehler zu machen – denn der Lerneffekt ist deutlich größer, als wenn ich es fehlerfrei vormache.
Holger: Ein einfacher, aber sehr wirksamer Ansatz ist, Azubis in spielerische Wettbewerbssituationen zu bringen. Das kann so etwas Banales sein wie: „Wer schafft die Aufgabe schneller?“ oder „Wer erklärt den anderen die Lösung am verständlichsten?“ Solche kleinen Challenges wecken Ehrgeiz und bringen Energie in die Gruppe. Wichtig ist, dass der Wettbewerb fair und positiv bleibt. Außerdem empfehle ich, auch kleine Fortschritte sichtbar zu machen. Schon ein kurzes Lob oder eine kleine Anerkennung kann viel bewirken – oft mehr, als man denkt.
Holger: Ich wünsche mir vor allem mehr Zeit, um individuell auf die Azubis eingehen zu können. In der Praxis fehlt diese Zeit häufig, weil viele organisatorische Aufgaben dazukommen. Mehr Freiraum würde helfen, die unterschiedlichen Bedürfnisse besser aufzufangen. Darüber hinaus sehe ich große Chancen in digitalen Lernformaten – insbesondere in KI-gestützten Lernprogrammen oder Simulationen. Wenn Azubis Alltagssituationen realitätsnah durchspielen können, lernen sie praxisnah, selbstständig und mit viel mehr Motivation. Das wäre ein echter Fortschritt.
Holger: Ich halte es für entscheidend, das Selbstvertrauen der Azubis zu stärken. Viele unterschätzen sich selbst und brauchen die Erfahrung, dass sie Aufgaben auch allein meistern können. Wenn ein Azubi das Gefühl hat: „Ich kann das!“, verändert sich sein Blick auf die gesamte Ausbildung. Dann ist Motivation nicht mehr etwas, das von außen kommen muss – sondern sie entsteht von innen heraus.
Holger: Motivation entsteht nicht durch Druck, sondern durch Vertrauen, Anerkennung und echte Beteiligung. Wenn Ausbilder:innen die Vielfalt ihrer Azubis als Stärke begreifen, entstehen Lernräume voller Energie und Selbstvertrauen. So wird aus Ausbildung mehr als Wissenstransfer – sie wird zu einer gemeinsamen Entwicklungsgeschichte.
Herzlichen Dank für das Interview.
Das Interview führte Miriam Becker.